Schleyer der Vergangenheit?

12. Februar 2007 - 18:50 Uhr - Moe
Die Witwe und der Sohn von Hanns-Martin Schleyer zeigen sich also erschüttert, dass Brigitte Mohnhaupt nun freigelassen werden soll, obwohl sie doch eine Verbrecherin und Terroristin gewesen sei und keine Reue zeige. Und damit scheinen sie nicht alleine zu sein, denn die meisten der Online-Umfragen die ich heute gesehen habe zeigen, dass ca. 60% der Abstimmenden der Meinung sind, Mohnhaupt habe ihr Recht auf Freiheit in der Tat für den Rest ihres Lebens verwirkt. Vielleicht passt das damit ganz gut zusammen, dass unlängst erstmals erhoben wurde, dass eine Mehrheit in Deutschland von der gegenwärtigen Demokratie - und der damit einhergehenden Rechtsstaatlichkeit (?) - nix mehr hält. Aber wer ist nun eigentlich dieser Schleyer gewesen? Ob er jemals persönlich einen Menschen getötet hat, weiss ich nicht. Vielleicht kann man anhand seiner Biografie jedoch erahnen, wie er selbst zu Begriffen wie "Schuld" oder "Reue" stand, die nun von seinen Nachkommen eingefordert werden. Die Wikipedia schreibt über Hanns-Martin Schleyer:
Er ist schon früh ein überzeugter Nationalsozialist. Nach Mitgliedschaft in der Hitler-Jugend seit 1931 wird er am 1. Juli 1933 Mitglied der SS. Während des Studiums engagiert er sich in der NS-Studentenbewegung und findet im Heidelberger Studentenführer Gustav Adolf Scheel einen ersten wichtigen Mentor. Im Sommer 1935 wirft Schleyer seinem Corps "mangelnde nationalsozialistische Gesinnung" vor und tritt unter öffentlichem Protest aus der Verbindung aus, als der übergeordnete Kösener SC-Verband sich weigert, alle jüdischen Alten Herren aus dem Corps auszuschließen. [...]

Schleyer beginnt seine erste Karriere als Funktionär in der nationalsozialistischen Studentenschaft. [...]

Er übernimmt dann die Leitung des Studentenwerks der Universität in Prag. Am 1. April 1943 tritt er als Sachbearbeiter in den Zentralverband der Industrie für Böhmen und Mähren ein. Hier wird er dann später Leiter des Präsidialbüros und persönlicher Sekretär des Präsidenten Dr. Bernhard Adolf, der maßgeblich für die "Arisierung" und Germanisierung der böhmischen Industrie verantwortlich ist. [...]

Im Entnazifizierungsverfahren wird er zunächst als Minderbelasteter eingestuft. Hiergegen legt Schleyer Widerspruch ein, im Revisionsverfahren wird er im Dezember 1948 als Mitläufer eingestuft. [...]

Anlässlich seiner Wahl zum Präsidenten des BDI wird Schleyer in einer Sendung des deutschen Fernsehens auf seine NS-Vergangenheit angesprochen (Offiziersrang in der SS). Er erklärt, er sei stolz auf diese Vergangenheit.
Wobei das Eine mit dem Anderen selbstverständlich nichts zu tun hat, und die Opfer der RAF nicht die Hinterbliebenen, sondern die Getöteten sind.

6 Kommentare:

  1. Martin Hiegl schrieb:
    Und das macht es in deinen Augen in Ordnung oder zumindest akzeptabel ihn zu töten? Na dann ...
    # 13. Februar 2007 - 12:07 Uhr
  2. Moe schrieb:
    Das habe ich hier keineswegs behauptet. Ich persönlich finde es lediglich paradox, dass die Angehörigen die Frage nach Begriffen wie Schuld oder Reue stellen, welche sich zumindest in der Biografie des Opfers anscheinend nicht finden lassen. Was wie ich schrieb nichts direkt miteinander zu tun hat, aber meiner Ansicht nach einen ziemlich schalen Beigeschmack enthält.
    # 13. Februar 2007 - 13:45 Uhr
  3. Martin Hiegl schrieb:
    Wenn es deiner Meinung nach doch nix miteinander zu tun hat, warum stellst du es dann doch in Beziehung zueinander und verharmlost damit eben doch mehr oder weniger den Mord an einem Menschen?
    Deine Argumentation ist aus meiner Sicht absoluter Unsinn, denn nur weil HM Schleyer nie was bereut zu haben scheint, haben seine Hinterbliebenen nicht weniger Recht sich darüber aufzuregen, dass seine Mörder den Mord nicht bereuen bzw. "Schuld" anerkennen. Nur weil jemand etwas falsch macht, ist es bei anderen nicht weniger falsch.
    # 13. Februar 2007 - 14:04 Uhr
  4. Moe schrieb:
    Die Hinterbliebenen sind wohlgemerkt nicht das Opfer, welches selbst wie gesagt anscheinend nicht so viel mit Begriffen wie "Reue" oder "Schuld" am Hut hatte. Die Hinterbliebenen fordern da etwas ein, was ihnen meiner Ansicht nach höchstens moralisch zusteht, aber nicht juristisch. Die Mörder sind immerhin für ihre Taten belangt worden - und bislang hört man da meines Wissens nach zumindest keine Äusserungen, dass sie auf ihre Vergangenheit stolz seien.
    # 13. Februar 2007 - 14:15 Uhr
  5. OnisanT schrieb:
    Natürlich sind die Hinterbliebenen auch Opfer. Zwar nur indirekt, aber der Verlust eines geliebten Menschen ist auch keine Kleinigkeit und auch das haben die Mörder zu verantworten.
    Aber Ulrike Mohnhaupt hat ihre Strafe abgesessen. Und da die RAF immer als "normale" Verbrecher und nicht, wie sie selbst es verlangten, als Kriegsgegner der BRD behandelt wurden, muss man das auch heute noch tun. Und wenn normale Mörder auch ohne Reue zu zeigen oder mit der Justiz zusammenzuarbeiten nach der gerichtlich festgelegten Mindesthaft auf Bewährung entlassen werden können, dann können das auch RAF-Mörder. Wenn nicht damit zu rechnen ist, dass Mohnhaupt wieder Morde begeht, wird sie entlassen. Und damit ist das Thema eigentlich gegessen.
    # 14. Februar 2007 - 23:52 Uhr
  6. Rudi schrieb:
    Das Geheule um den toten HMS war schon damals verlogen. In wieviele Schweinereien war er verwickelt als SS- Mitglied (ab 1933!!!) und doch war er "stolz auf seine Vergangenheit" Keine Reue, keine Distanz. Im Gegenteil, er bleibt seiner Linie treu, lässt Arbeitnehmer aussperren, notgedrungen unter den gegebenen demokratischen Vorzeichen. Die junge BRD war nach dem Krieg nicht fähig, Leute wie Filbinger oder Schleyer aus dem öffentlichen Leben herauszuhalten, Lübke und Carsten werden als NSDAP-Mitglieder sogar Bundespräsident. Und weil weder Reue noch Distanzierung stattfindet, warum dann das Beharren auf der Forderung nach Reue bei Mohnhaupt? Natürlich ist das Gros der Bevölkerung über die Verstrickungen von Schleyer und Anderen in die NS-Zeit nicht informiert, so was steht halt auch nicht in BILD. Mal sehen, wie das im Oktober diskutiert wird, zum 30-jährigen Todestag von Schleyer. Ich fürchte, gar nicht
    # 15. Februar 2007 - 12:51 Uhr

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