Bis Sonntag mittag bin ich in Nürnberg. Auf der Zugfahrt hierher ein Nürnberger, so um die Mitte 50, der alle vollquatscht und dann irgendwie von der Hitze auf sein Leitmotto 'Kraft durch Freude' (sic) kommt. Leider bleibe ich viel zu ruhig. In Nürnberg dann bereits am Bahnhof ein ziemliches Chaos und hunderte bis tausende von Fans, Gegröhle, Gashupen und Flaggen. Massiv Polizei, die unter anderem unter einer dicken Überwachungskamers Stellung genommen hat, um ausgerechnet dort ihre eigene Filmkamera aufzubauen und so nochmal richtig hochauflösende Bilder der Passanten (für die automatische Gesichtserkennung?) anzufertigen.
In der S-Bahn unglaubliche Hitze und erdrückende Enge, die Briten stimmen laut gröhlend das Lied der 'Ten German Bombers' an, das ich hierzulande bislang nur aus der antideutschen Ecke gehört habe. Der Alkohol hilft beim Gröhlen. An unheimlich vielen Autos klemmen diese kleinen Deutschlandfahnen im Fenster, man ist wieder wer, solange es dafür nur ein passendes Produkt gibt. Der Nationalismus ist eingekehrt, doch unsere Gäste zu Besuch bei Freunden haben die deutsche Geschichte sicher nicht vergessen. Olé.
Fazit: Ohne Alkohol wäre diese WM undenkbar. Man darf aber nicht vergessen, dass die Fans kein repräsentativer Ausschnitt der Gesellschaft der jeweiligen Nationen sind. Es sind diejenigen, die sich hierfür ein bis zwei Wochen Urlaub nehmen und sich das auch ein paar Tausend Euro kosten lassen. Für Fussball, Volk und Vaterland.
Tags: Nuernberg, WM2006.
Nürnberg
16. Juni 2006 - 12:34 Uhr - Moe4 Kommentare:
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Und was die konservativen Leitkultis angeht, die sich immer schön vor der schwarz-rot-goldenen Fahne fotografieren lassen und alles zum Anlass nehmen, um die Überlegenheit des Deutschtums im eigenen Lande einzufordern: Gerade sie dürften durch die vielen Fahnen nicht bestätigt werden. Gerade bei der WM in Berlin laufen wirkliuch viele Türken mit der deutschen Fahne herum, weil es die türkische Mannschaft nun einmal nicht zur WM geschafft hat. Die Leute zeigen doch mit ihrer Fahne nur, dass sie hinter Deutschland, seinem gesellschaftlichen System und vor allem hinter ihrer Fussballmannschaft stehen - Heimat eben.
Gruss aus Berlin
Dass Engländer in Deutschland Ten German Bombers singen ist mir viel lieber als Ten German Bombers am Himmel und zeigt bloß, dass sich sogar das Verhältnis zwischen englischen und deutschen Fußballfans inzwischen entspannt hat.
"Das Volk, the people, les peubles erobert sich die eigene Identität auf diese Weise vom Staat zurück - das hat aber auch gedauert."
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