Überwachung und Wahrheit?

31. August 2005 - 13:26 Uhr - Moe
Nochmal zu den aufgrund von Videoüberwachung festgenommenen 'Terrorverdächtigen' in Hamburg:
Die drei in der vergangenen Woche in Hamburg unter Terrorverdacht festgenommenen Männer sind der arabischen Sprache nicht mächtig - obwohl sie auf Hocharabisch ein Gespräch geführt haben sollen, das die Möglichkeit eines Anschlags nahe legte. Dies sagte deren Anwalt, Jens Niedrig, von der Hamburger Kanzlei Groenewold Husemann zu stern.de. [...]
Auf Anfrage von stern.de blieb die Polizei bei ihrer Darstellung, die Verdächtigen sprächen Arabisch, "nicht fließend, aber bruchstückhaft", so eine Polizeisprecherin. Die Verdächtigen hätten in den Verhören auch nicht bestritten, über Grundkenntnisse der hocharabischen Sprache zu verfügen, teilte die Sprecherin mit.
Eben dies sei nicht korrekt, so ihr Anwalt. In den von einem Dolmetscher vom Deutschen ins Russische übersetzten Verhören hätten die unter Terrorverdacht stehenden Männer ausgesagt, nicht der arabischen Sprache mächtig zu sein, so Niedrig. Die Männer sprächen ausschließlich Tschetschenisch und Russisch und seien nicht in der Lage, sich auf Arabisch zu unterhalten, wie es der Zeuge gehört haben will, so Niedrig.
[via stern.de: Hamburg: Terrorverdächtige konnten gar kein Arabisch]

Da aufgrund einer perversen Überwachungslogik die Festnahme dieser Menschen aufgrund von Videoüberwachung ja auch noch als Erfolg gefeiert wurde frage ich mich, wann denn nun einer kommt und sagt, na da müsse man eben auch audio-überwachen damit solche Missverständnisse ausgeräumt würden.
Wichtig ist an dieser Geschichte erstmal nur der triviale aber den meisten Menschen nicht bewusste Fakt, dass durch Überwachungsbilder noch keinerlei Realität entsteht. Nichts an diesen der Öffentlichkeit mit einem hinzuerfundenen Kontext präsentierten Bildausschnitten ist zunächst mehr als eine Inszenierung. Die Realität selbst löst sich auf in einer Flut virtueller Bilder und erzeugt eine Hyperrealität; anstelle der Realität treten die Bilder. So funktioniert die Verhaltenskontrolle abertausender unbescholtener BürgerInnen, stets mit dem Verweis darauf dass es da ein Gefahrenpotential durch einige wenige gäbe, welches diese Überwachung rechtfertigen sollte. Damit geht es nicht darum, irgendwelche Kriminellen oder Terroristen zu beobachten, sondern darum, die Masse der Gesellschaft an sich zu kontrollieren, in ihren Handlungen, Deutungen und Gedanken. Wir werden beobachtet, auch wenn wir einen dummen Witz an einer Bushaltestelle reissen (falls das denn jemals passiert ist), und was wir denken oder sagen wird Konsequenzen haben. Spätestens dann, wenn es sich um eine Randgruppe handelt, womöglich sogar noch Ausländer. Also sollten wir wohl unser Verhalten und Denken an dasjenige anpassen, was gewünscht ist. Soweit der Plan.

2 Kommentare:

  1. martin schrieb:
    Ich hab ja geraume Zeit um und nach dem 11.9.2001 mit 'nem Araber zusammengearbeitet. Wenn der auf Arabisch mit seiner Schwester telefoniert hat, haben wir ihn z.B. gern mal gefragt, ob er da neue Anweisungen von seinem Führungsoffizier entgegengenommen hat. Das würde dann heute wohl auch für 'ne Nacht im Knast ausreichen. Sowas vom Schlage des "Morgen werden wir als Helden vor Allah stehen" wäre da als Running-Gag unter Kollegen eher harmlos gewesen.

    Umso schlimmer, daß ich aus dieser Zeit auch zwei, drei Sätze auf Arabisch im Kopf behalten habe.

    Konsumieren, Fernseh kucken, Fresse halten. Das sind bald die obersten Bürgerpflichten. Bloß keine eigenen Gedanken machen, damit man nicht auf dumme Ideen kommt und sich "schlechte Witze" erzählt. Das ist wahre Freiheit.
    # 31. August 2005 - 14:19 Uhr
  2. eth schrieb:
    solange du keinen vollbart trägst...
    # 31. August 2005 - 15:46 Uhr

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