Sozial ist...

13. Juli 2005 - 11:01 Uhr - Moe
Dieser selten dämliche Spruch "Sozial ist, was Arbeit schafft" kursiert doch schon seit über einem Jahr in den einschlägig konservativen Kreisen, ich verstehe da die plötzliche Aufregung nicht. Aber wie das halt so ist im Wahlkampf. Wobei man ja auch durchaus sinnvolle Überlegungen oder Vergleiche anstellen könnte, ohne die Nazi-Keule rauszuholen. Interessant ist doch, dass mit diesem Spruch eine Assoziation hergestellt werden soll um Umdeutungen vorschub zu leisten. Wenn alles was irgendwie Arbeit schafft sozial ist, so kann man dann beispielsweise den Kündigungsschutz lockern, und denjenigen die dann rausfliegen sagen das sei sozial, da es die Chance einer Neuanstellung älterer Arbeitnehmer erleichtert. Dasselbe geht das mit der Senkung von Mindestlöhnen, die dann plötzlich "sozial" wird, da man für einen Hungerlohn vielleicht eher einen Job bekommt. Und so weiter und so fort. Begriffe und Konzeptionen werden somit pervertiert und mit neuen Bedeutungen versehen.

Ausserdem legt der Spruch schon fast den Umkehrschluss nahe: Alles, was nicht Arbeit schafft, kann demnach nicht sozial sein. Damit wird der Begriff des Sozialen in eine ausschliessliche arbeitsmarktpolitische Nähe gerückt, bzw ihr untergeordnet. Das ist eine extrem verkürzte Vorstellung des Begriffs, die erhebliche Einschnitte zulasten derjenigen die darauf angewiesen sind zur Folge hat. Das soziale Netz, welches meiner Ansicht nach eine moderne Gesellschaft auszeichnet, bekommt somit immer grössere Löcher. Ob wir diejenigen, die den Halt brauchen damit noch auffangen können oder wollen, ist keine primär arbeitsmarktpolitische Frage.

2 Kommentare:

  1. diaet schrieb:
    Nun ja, nachdem die Nazi-Keule in diesem Fall nicht wirklich weit hergeholt ist (wurde in der leicht abgewandelten “Sozial ist, wer Arbeit schafft”-Version immerhin von Hitlers Wegbereiter Alfred Hugenberg benutzt), darf man diese wohl schon einwerfen. Dann kommt man nämlich mit Ihren sehr richtigen Überlegungen sehr schnell auch noch auf die Idee, dass Kriege sehr sozial sein müssen (massenhaft Arbeit - Soldaten, Waffenfabrikanten, Wiederaufbau)...

    Insgesamt wohl wieder ein Indiz dafür, dass der Wert eines Menschen in unserer "sozialen" Umgebung nur noch über seine Arbeit bemessen wird, was wir uns bei immer weniger Arbeit nun wahrlich nicht erlauben können.

    Meines persönlichen Eindrucks nach scheint sich das aber wenigstens bei denen, die durch dieses Raster fallen, langsam wieder zu ändern (Engagement zählt wieder mehr, eigene Strukturen werden aufgebaut).

    Hoffentlich klappt dieser bottom-up-Ansatz - top-down scheint da nichts mehr zu gehen...
    # 13. Juli 2005 - 12:32 Uhr
  2. Sencer schrieb:
    Ist ein immer beliebter werdendes Instrument der Propa^H^H^H^H^HMeinungsbildung in der Politik, siehe auch:
    http://www.berkeley.edu/new...

    Großartiges Beispiel dafür (IMHO) der "Clear Skies Act" ( http://www.epa.gov/clearskies/ ) welcher bereits der Intention nach so ausgelegt war, dass die Industrie wieder mehr Schadstoffe in die Luft pusten durfte ( http://en.wikipedia.org/wik... ).

    Ich bin mir sicher, dass wir in Zukunft noch viel mehr solcher Wortsinn-"Verdrehungen" erleben werden - so einen Faux-Pas wie mit den "Hartz-Reformen" oder "Agenda 2010" unter denen sich erstmal keiner was vorstellen konnte, wird es dann sicher nicht mehr geben. Stattdessen nimmt man besser Worte die beim Empfänger schon positiv belegt sind - und wer kann schon _gegen_ eine "Agenda für Soziale Gerechtigkeit" sein ohne daß erstmal langatmig zu erläutern (wer hört da noch zu?).
    # 13. Juli 2005 - 14:16 Uhr

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