Ich sehe das eigentlich recht entspannt, und habe mich schwer getan, da überhaupt eine Problematik zu erkennen. Denn durch die Kommentarfunktion in Weblogs gibt es da sowas eine selbst-regulierende Wirkung: Bevor jemand zu grossen Quatsch schreibt wird er korrigiert oder es gibt zumindest abweichende Meinungen. Nun erreichen vielgelesene Blogs zwar mit dem, was sie schreiben vielleicht erst einmal mehr Menschen auf einmal. Dafür aber ernten sie gegebenenfalls auch mehr Gegenrede in den Kommentaren, wenn sie etwas schreiben was unwahr ist, oder zumindest von der subjektiven Wahrnehmung abhängt. Ansonsten halte ich "Einfluss" erstmal nicht für einen meßbaren Wert.
So gesehen wären dann eher die wenig gelesen Blogs ein Ort, an dem es zu "extremen" Äusserungen kommen kann, ohne daß jemand in einem Kommentar interveniert. Wenn jetzt jemand sagen wir 5 Leser hat und sich mit denen einig ist, kann da stehen, was will. Ich schaue eigentlich in sehr viele Blogs mal rein, und bin teilweise schon erstaunt was man da so abseits der breitgetretenen Pfade teilweise für extreme Meinungen trifft. Andererseits wird es aber auch wieder keinen weitergehenden Effekt haben, eben da es nicht viele Leute erreicht. Insofern würde sich das alles schön selbst regulieren, und ich konnte nicht ganz die Problematik bei diesem Thema überhaupt sehen. Wenn jemand Mist schreibt und eine kleine Leserschaft hat erreicht es nicht viele, und wenn er eine grössere hat, dann gibt's genug Leute die das merken. So what?
Nur, was meine ich jetzt eigentlich mit "Mist schreiben"? Ich ging bei diesen Überlegungen wohl davon aus, daß jemand etwas schreibt was er subjektiv so wahrnimmt, was aber intersubjektiv eben nicht mehr ohne weiteres vermittelbar ist. Und zu dementsprechendem Feedback führt, da hier kein stillschweigender Konsens mehr gegeben ist. Das könnten beispielsweise extreme politische Meinungen sein. Ich las neulich in einem Blog, die Junge Freiheit sei eine linke Zeitung, und unsere Regierung Terroristen. Sehr zur Freude NPD-naher Kommentatoren. Aber das nur am Rande.
Immerhin sind - so gesehen - die Weblogs welche einer eher kleine Leserschaft haben, auch irgendwie "ehrlicher". Ehrlicher in dem Sinne, daß der Verfasser seine Überzeugungen vielleicht direkter und "schonungsloser" formuliert. Der Schulz schrieb dazu mal in einem Kommentar bei Jochen Mai (ich hoffe es ist ok, hier aus den Kommentaren zu zitieren):
ich möchte sogar so weit gehen: bloggs sind über jegliche kritik erhaben. frei nach dem motto: take it or leave it.
bloggen ist vom ansatz her auch keine frage von erfolg oder misserfolg. es kommt auf die intention des einzelnen an, sich - selbst auf die gefahr hin, gelesen zu werden (HUCH !!!) - zu artikulieren oder einfach spaß bei etwas zu haben.
in dem moment, in welchem sich für einen selbst die frage nach erfolg oder misserfolg stellt, siegen im zweifel opportunistische eitelkeit und kommerz über die botschaft. inhalte werden zum reinen trigger. und am ende trennt sich doch die spreu vom weizen hier wie dort ... wobei masse noch nie über klasse entschied und man bereits heute sicher massig unterscheidungskriterien und schubladen findet, in welche bloggs einzugruppieren sind/wären.
Nun kann ja selbstverständlich jeder Blogger seinen Stil selbst wählen, und es kann da auch kein "richtig" oder "falsch" geben. "Wahrheit" ist ja nun auch nicht das erklärte oberste Gebot eines Weblogs. Wie könnte oder sollte es das auch sein?
Was passiert nun aber, und diesen Aspekt hatte ich in unserem Gespräch ausgeblendet, wenn nun jemand in seinem Weblog mehr oder minder bewusst wüste Spekulationen und/oder Unwahrheiten verbeitet, welche so gewählt wurden, daß man einfach genug Leute finden kann die es glauben wollen? In diesem Fall wird die selbstregulierende Wirkung von Weblog-Kommentaren welche ich weiter oben beschrieb (wenn sie denn überhaupt wirklich so funktioniert) ausgehebelt.
Zumindest werden die Beiträge dann nicht mehr notwendigerweise nach den Prämissen von denen sie ausgehen, ihrer Argumentation, Absicht, oder dem subjektiven Hintergrund des Verfassers beurteilt, da mehr oder minder vorgefertigte Meinungen bestätigt werden.
Man kann sich natürlich fragen wozu das gut ist. Vielleicht bringt es "Quote" und man hält sich damit im Gespräch. Vielleicht vermeidet es Irritationen (und damit letztendlich eigenständiges Denken) beim Leser, wenn bestehende Ansichten bestätigt werden. Wäre das dann das "Bild-Prinzip" der Aufmerksamkeitsökonomie?
Klingelton-Werbung sowie die dafür verantwortlichen Firmen finden beispielsweise nun mal fast alle mies, Firmen die Blogger feuern auch irgendwie, oder daß man "irgendetwas gegen" sagen wir mal Nazis tun müsse, meinen auch viele Leute. Vielleicht sind es gerade die polarisierenden Themen, wo man ganz genau hinschauen muss, um sich eine differenzierte Meinung zu bilden.

erstmal: das ist schon in ordnung aus meinen kommentaren zu zitieren - schließlich gehts hier um eine wichtige sache.
ansonsten stimme ich dir zu: ich sehe immer noch die gefahr eines inszenierten schnellballefeckts. das können sicher nicht die kleinen blogs - aber grössere schon (praktisch wie bei ebay: erst 200 positive credits erschleichen - dann abzocken). nun will ich das hier keinem unterstellen. dennoch glaube ich, dass es geht. und ich fürchte, bis die selbstheilungskräfte einsetzen, ist der schaden schon recht groß.
und zu bettina: ja und nein. ja, die blogger müssen keine rücksichten nehmen; nein: sie werden es aber tun, je prominenter sie werden. irgendwann erreicht man einen status, da will man auch weiterhin gelesen werden. ich glaube, ab dieser schwelle riskiert keiner mehr seine leserschaft. eitelkeit ist eine starke kraft! :)