Der Überwachungsstaat rüstet sich für das Oktoberfest: Statt wie bisher sieben wird es zukünftig zwölf Überwachungskameras geben, und um weiteren Eskalationen polizeilicher Willkür zu begegnen werden diesmal auch die Polizisten der "Wiesnwache" im "Servicezentrum" von einer Kamera überwacht.
Die Süddeutsche titelt "Mit Big Brother gegen die Angst", aber das ist offensichtlich bullshit. Natürlich soll ein Klima latenter Angst geschaffen werden, man fühlt sich von den Ordnungskräften beobachtet und ist angehalten sich somit norm-konformer zu verhalten, um einen reibungslosen Ablauf des Geschäfts zu ermöglichen. Die berechnete Gewinnmaximierung des Oktoberfestes ist ja bekannt, man denke nur an die Skandälchen um Biergläser die dann 5% weniger gefüllt werden als erlaubt aber das eben ein paar tausend mal, und so weiter. Die Bier-Dealer stehen da ja schliesslich nicht zum Spass oder aus Liebe zum Oktoberfest, sondern weil man zu dieser Gelegenheit das Bier teuerer verkaufen kann als irgendwo sonst. Oder aber das Oktoberfest ist einfach wirklich ein so gefährlicher Ort, daß man fast doppelt soviele Kameras wie im letzten Jahr braucht. Dann stellt sich die Frage wieso man an einem Ort feiern sollte von dem selbst die Veranstalter sagen, er sei hochgefährlich*. Na denn Prost.
*Dieser Ansicht ist übrigens auch der Betreiber der McDonald's Restaurants in Gießen und Linden, welcher seinen Lokalen eine besonders hohe Gefahr bewaffneter Überfälle einräumt. Warum der gute Mann zur "Prävention" allerdings seine Gäste filmt ist nicht bekannt. Vielleicht schaut er den Mädels einfach gerne auf die Brüste oder so. Aber ich schweife ab.
Videoüberwachung auf der Wiesn: Watching the Watchers
13. September 2004 - 11:53 Uhr - Moe15 Kommentare:
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So kann man es auch sehen, wenn man unbedingt will und eine besondere Kamera-Paranoia hat. Die Mehrheit der Wiesn-Besucher empfindet allerdings kein Gefühl latenter Angst, sondern fühlt sich im Gegenteil sicherer bei stärkerer Polizeipräsenz, durch Streifen und auch durch Videoüberwachung.
Warum? Weil diese Veranstaltung eine Ausnahmesituation ist. Auf einer ziemlich kleinen Fläche findet man dort die Bevölkerung einer kompletten Großstadt oder locker die doppelte bis dreifache Gesamtbevölkerung von Giessen. Nicht über die zwei Wochen verteilt, sondern gleichzeitig.
Leute aus allen Ländern, allen Schichten, allen Bevölkerungsgruppen, jeden Alters, dazu viel Alkohol. Mit dieser Situation, auch dem Alkohol, können 99% der Leute umgehen. Es geht, wie so oft, um den winzigen Rest, der das nicht schafft, auf Kosten der anderen.
Was sind denn die von Dir offenbar so als negativ empfundene "norm-konforme" Verhaltensweisen, denen sich die Menschen Deiner Meinung nach aus Angst unterwerfen? Zum Beispiel weniger Taschendiebstahl? Dem Nachbarn nicht das Bierglas über den Schädel hauen? Ausländische Besucher nicht zu jagen und zusammenzuschlagen? Weniger sexuelle Übergriffe?
Mit derartigen Norm-konformen Verhaltensweisen leben die meisten Menschen sehr gut, nicht nur auf dem Oktoberfest.
Das es dort um Geschäfte geht, ist eine Binsenweisheit.
Die Bierpreise sind übrigens nicht besonders hoch im Vergleich zu denen der Münchner Gaststätten. Die Menge machts, nicht der Einzelpreis.
nonkonforme verhaltensweisen sind alle verhaltensweisen welche unterlassen oder unterdrückt werden wenn sich ein gast von einem nicht näher zu bestimmenden beobachter der obrigkeit permanent beobachtet fühlt. das hat erstmal nicht viel mit recht oder gesetz sondern eben mit allgemeinen gesellschaftlichen normen (oder normen die als solche postuliert werden) zu tun. abgesehen davon stellt kameraüberwachung einen eingriff in das persönlichkeitsrecht der betroffenen dar, da sie keine kontrolle über die von ihnen angefertigten bilddaten sowie deren speicherung und auswertung haben.
weiterhin besteht im allgemeinen die gefahr dass soziale randgruppen undverhältnissmässig viel überwacht werden (im falle schwenk- oder zoombarer kameras) und somit vorurteile verstärkt bzw diese randgrupen als solche erst konstituiert werden.
wer randgruppe X doppelt soviel beobachtet wie andere menschen kann in der nächsten kriminalitätsstatistik auch "nachweisen", dass sich die kriminalität von randgruppe X angeblich verdoppelt habe.
nachdem kameras nun erst in geschäftsbereichen eingesetzt wurden und dann auch in öffentliche bereichen und anschliessend imbissbuden oder bus/ubahn geht nun der nächste schritt anscheinend dahin dies auch vom kommerziellen über den öffentlichen bin hin in den bereich der freizeit der menschen auszubauen. damit kommen wir einer lückenlosen totalüberwachung wieder einen schritt näher. aber wie du ja sagtest geht es nicht um spass oder freizeit sondern um geschäft und das "ist eine Binsenweisheit. "
Inzwischen ist es eigentlich hinreichend bekannt, dass gerade problematische Straftaten wie Körperverletzungsdelikte, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, Tötungsdelikte etc. zumeist nicht rational gesteuert sind. Dies in Verbindung mit dem von dir ins Spiel gebrachten Alkohol zwängt den Schluss auf, dass die Delinquenten sich im Moment ihrer strafrechtlich relevanten Ausfälle (und nur damit kann man Videoüberwachung wirklich legitimieren!)der Kameras nicht mehr bewusst sind und von ihrer Anwesenheit auch nicht beeinflusst werden. "Enthemmt" ist da wohl der richtige Ausdruck.
Taschendiebe kannst du mit Videoüberwachung vielleicht rausfischen. Aber bei großen Menschenmengen, in denen sich solche Typen aufzuhalten pflegen, ist meist eh die Sicht versperrt.
Von daher hilft eine Kamera sicherlich nicht bei der Verhinderung (!) von Straftaten. Vielleicht bei der Aufklärung. Aber da muss man abwägen, ob man mehr Unschuldige auf Band gebannt (hehe) haben will oder lieber deren Persönlichkeitsrechte hoch hält und statt dessen auf traditionelle Ermittlungstechniken setzt.
Kriminaliätsschwerpunkte sind allgemein dort, wo sich sehr viele Menschen im öffentlichen Raum aufhalten, der Klassiker ist der Hauptbahnhof jeder Stadt, natürlich auch alle großen Volksfeste. Diese werden seit jeher stärker überwacht als andere, um ein Mindestmaß an Sicherheit zu gewährleisten. Straftaten dort auf Null reduzieren zu wollen, wäre lebensfremd. Einen Sicherheitsaspekt werden alle Besucher dort erkennen.
>>nonkonforme verhaltensweisen ... zu tun.<<
Schön auswendig gelernt, im Hauptseminar gibts dafür ein Fleißkärtchen. Oder benutzt Du Textbausteine?
Aber es gibt auch ein echtes Leben ausserhalb der Modelle und Theorien. Was sind Deiner Meinung nach die nonkonformen Verhaltensweisen, die die Besucher des Oktoberfestes nun unterdrücken, weil 7 oder jetzt 12 Kameras auf sie blicken? Nenn doch mal lebensnahe Beispiele.
Ich konnte bisher noch nicht bemerken, daß sich die Besucher gerade dort auffällig angepasst verhalten. Zumal von einer permanenten Überwachung einzelner Gäste aufgrund der Relation von Besuchern zu Kamers wohl kaum die Rede sein kann.
Du hast gesagt, daß es den Wirten ums Geschäft geht, daß ist die Binsenweisheit. Jeder Wirt ist Geschäftsmann, genauso wie jeder Würstchenbrater und Losbudenbesitzer. Den Gästen gehts aber um den Spaß, den sie dort haben werden.
richtig, die von Dir genannten Straftaten finden dort sicher meist im "enthemmten" Zustand statt.
Zwei Aspekte hierzu: Viele dieser enthemmt begangenen Taten entstammen einer sich aufheizenden Situation, also zB. die typische, sich aus einer agressiven Stimmung entwickelnden Wirtshausschlägerei. Diese kann relativ oft in einem frühen Stadium erkannt werden, so das man mit deeskalierenden Maßnahmen sowohl den potentiellen Täter vor seiner Tat als auf das potentielle Opfer schützen kann. Das kann die Kamera nicht, aber man kann Ordner an den Ort des Geschehens dirigieren.
Falls es zu einer Straftat kommt, zählt selbstverständlich auch die Beweismöglichkeit, sowohl straf- als auch zivilrechtlich.
Daneben wird ein überwachter Raum für planvoll agierende Täter weniger attraktiv, ob Taschendieb, Schläger oder von mir aus auch Brandstifter.
tut mir wahnsinnig leid, dich enttäuscht zu haben, ich habe einmal zu oft solche diskussionen geführt, die dann an diesem punkt ("ja, aber wer nix verbotenes tut, hat doch keine probleme") in die sackgasse gerieten.
Aber wenn ich von Moe lese, daß 12 Kameras auf dem Oktoberfest ein "Klima latenter Angst" schaffen (sollen), weiß ich nicht mehr, ob das ernst gemeint oder Satire ist. Ersteres wäre absurd weltentrückt.
Textbausteine benutze ich sicher nicht und diese Kritik ist auch einfach nur dümmlich. Beispiele kann ich Dir gerne nennen, nämlich das unmittelbare Gefühl beobachtet zu werden und keinerlei Kontrolle über die eigenen Daten zu haben. Im Namen des Profits anderer, versteht sich. Mir fällt das regelmässig ein wenn mich eine filmt und wie einen Verbrecher oder Dieb behandelt, da ich mich für einen ehrlichen Menschen halte.
Es ist ein Witz andere wie Verbrecher, Diebe oder zumindest Verdächtige zu behandeln, um sich selbst dabei zu bereichern.
Die meisten Überwacher schaffen es ja noch nichtmal, ein entsprechendes Hinweisschild aufzustellen, so dass sich die Opfer ihrer Überwachung überlegen könnten ob sie gefilmt werden wollen, *bevor* sie den überwachten Bereich betreten.
>der Klassiker ist der Hauptbahnhof jeder Stadt, natürlich auch alle großen Volksfeste.
sage ich doch, die kriminalität wird lediglich verlagert. jetzt wird man eben nicht auf dem Bahnhof ausgeraubt oder hinterm Bierzelt vergewaltigt, sondern auf dem Weg dahin oder im eigenen Wohnviertel, da es sich hierbei leider nicht um überwachte Geschäftsbereiche handelt. Mehr Sicherheit ist dabei überhaupt nicht gegeben, nur wird die Kriminalität aus den Geschäftsbereichen der Bierdealer entfernt um nahezulegen dass es da keinen Zusammenhang zwischen dem Abfüllen von Leuten mit enthemmenden Drogen und Kriminalität und Gewalt gäbe.
Ernsthaft: Das ist kein lebensnahes Beispiel, sondern ein konstruiertes.
Zum Profit: Ja, wenn Jemand Geld für etwas nimmt, hat es auch etwas mit Profit zu tun. Diese Selbstverständlichkeit in jedem Posting anzuführen, ist schon etwas verwunderlich. Aber es wird hoffentlich darüber nachgedacht, das Oktoberfest in ein Freibierfest umzuwandeln, mit freiem Eintritt ins Karussell. Dann würde zumindest dieser Deiner Kritikpunkte entschärft.
Mit einem Kamera-Aufkleber am Eingang wird sich die Besucherzahl sicher signifikant ändern. Zu Fragen wäre nur, ob dieses ein Reiserücktrittsgrund für Australier wäre, die sich sonst aufs Gelände gewagt hätten.
Nein Kriminalität wird nicht nur verlagert, es gibt jedoch auch gute und schlechte Gelegenheiten, kriminelle Taten zu begehen. Die von mir genannten Orte sind grundsätzlich gut geeignet, also wird versucht, diese unattraktiver zu machen. Übrigens gibt es auch Kriminalitäts-Tourismus, der unter anderem zum Oktoberfest und zu Weihnachtsmärkten stattfindet.
Fühlst Du Dich eigentlich auch wie ein Verbrecher behandelt, wenn Du im Auto nachts in eine Alkoholkontrolle gerätst und Deinen Führerschein zeigen sollst?
Daß es einen Zusammenhang zwischen übermässigem Alkoholkonsum und Kriminalität und Gewalt gibt, ist jedem vernünftig denkendem Menschen bekannt und wird auch von Niemandem verschwiegen. Diese Kritik zielt also ins Leere.
Auch in der Kriminalitätsstatistik werden Taten durchaus in Zusammenhang mit dem Oktoberfest gesetzt, auch wenn diese nicht auf dem Gelände stattfinden. Auch hier also keine Vertuschung oder Verharmlosung oder Zusammenhangsleugnung.
Die allermeisten Menschen können übrigens damit umgehen, auch wenn sie mit Sicherheit mehr trinken als zu normalen Zeiten.
Es ist kein Geheimnis, dass die Einrichtung von Anlagen zur Videoüberwachung auch schon mal einen Dealer oder Taschendieb haben auffliegen lassen, weil er zu dumm war sich einmal umzuschaun oder zu faul drei Blocks weiter zu laufen. Dass Videoüberwachung aber stets unkontrollierte Kontrolle des Sozialen und all dessen, was einige darin als Problem und Devianz wahrnehmen, bedeutet, das ist ja auch kein großes Geheimnis. Darum geht es hier und wenn man darüber keinen Konsens hat, dann ist die Diskussion nur hohles Gefasel, was man dann ja immer an den rührenden personalisierenden Beispielen merkt. Aber wenn du nu ne Knarre am Kopp hast, wär es dann denn nicht prazzo mit ner Kamera über Kopf?
Die allermeisten Menschen konnten auch damit umgehn als es diesen ganzen Kontrollfetischismus noch nicht gab. Aber klar, meine Mami meint auch, dass man sich in FFM nicht mehr auf die Straße trauen kann und findet es gut, dass es immer mehr Sicherheit geben soll. Zuhause bleibt sie aber dennoch, sicher ist sicher.
hier geht es schlicht und einfach darum, die latente angst, die sehr viele leute von einem oktoberfestbesuch abhält, abzubauen!
schon interessant, die argumentation mancher leute...
aber vielleicht müsste ich einfach wirklich mal da gewesen sein.
Auch denke ich nicht, dass Kameras auf dem Oktoberfest die Kriminalität in Außenbezirke abdrängt.
Ich gebe dir gerne Grundsätzlich recht, dass Kameras im öffentlichen Raum in der Innenstadt Kleindealer und und ihre Kundschaft in die Randbezirke drängt. Hier kann man die Zirkustour in Stuttgart auch mit den Ordnungshütern sehr schön verfolgen, so nach dem Motto es wird Frühling die Junkies kommen auf das Unigelände, ah es wird Sommer die Polizei hat sie erfolgreich verdrängt.
In einer Kleinstadt wie Backnang findet man die Drogenumschlagplätze im Wald unterhalb der Stadtmauer (zumindest konnte ich einen Umschlagplatz dort anhand der zurückgelassenen Utensilien identifizieren).
Die Deeskalationstheorie bezweifel ich. Ich schätze man hat gerade einmal bei der Strafverfolgung bessere Karten. Vielleicht kann man dann beim nächsten Mal die saufenden Prügelknaben am Eingang durch Identifikaitonssoftware ausfiltern. Die Software ist schon erstaunlich treffsicher und sicherlich als vorfilter geeignet. Sofern man auf die Suffköppe und ihren Umsatz überhaupt verzichten will und nicht hier eine Alibikamera installiert, um eben gerade ein trügerisches Sicherheitsgefühl zu erzeugen, weil die Bierkrugschädelklopper dem Umsatz schaden.
Was die Hemmungen anbelangt, so gibt es sicherlich eine Gruppe, die sich dadurch veranlasst sieht sich konformer zu Verhalten. Das Gros wird vermutlich bald schon nicht mehr bemerken, dass da überhaupt einer Kamera ist. Es gibt im Ausland genügend Fernsehshows, die daraus ihr Material für den nächsten billigen Lacher beziehen.