Warum Weblogs die Universitäten (nicht?) revolutionieren werden

11. Mai 2004 - 10:43 Uhr - Moe
Peter Baumgartner bezieht sich in seinem Weblog auf den Artikel 'Weblogs an der University of Minnesota' aus meinem BildungsBlog. Dort hatte ich die Frage aufgeworfen, wieso Weblogs in Studium, Forschung und Lehre an deutschen Unis fast nirgends eine Rolle spielen (die Ausnahmen sind im BildungsBlog verlinkt), und es gab eine ganz interessante, wenn auch nur kurze Diskussion dazu. Peter Baumgartner meint, dies habe nichts mit der Frage nach Open Source Software zu tun und kommt zu einem vernichtenden Urteil über die Lehrenden an den Hochschulen:
In my opinion the reason for not using weblogs at universities is not due to ignorance of open source products. If this were the case, universities could use commercial weblog products. But one can observe a general reluctance to introducing weblogs in education and teaching. From my personal point of view a fundamentally wrong conception of education is the main reason for the absence of weblogs in education. [...]

If weblogs are used in education on a large scale, they won't be just an add-on but they will change radically our way of teaching.

But the mentioned "if" is of major importance as the blogosphere will attack the interests of traditional teaching institutions - at least at university or postgraduate level. Instead of a lecturing style based on large, abstract and predefined chunks of content which has to be transferred into the learner's mind (= "objective knowledge" in the positivistic tradition) weblogs implement a different teaching style. Through micro content and the necessary personal point of view they are forcing a constructivist conception of knowledge building. The differences in power and relationship between teacher and student are obvious. With weblogs fully integrated into the curricula authoritarian teaching on a predefined schedule (Tuesday to Wednesday) will not be so easy anymore...
[via Peter Baumgartner: Weblog have the potential to revolutionize education]

Ich wünschte es wäre nicht so, aber in meinem Pädagogikstudium in Giessen mache ich ähnliche Erfahrungen, wenn es um den Einsatz von Weblogs in der Lehre geht. Es scheinen weder das Interesse noch die Ressourcen vorhanden zu sein, um auch nur ein exploratives Szenario zu entwerfen. Ebenso scheint es nicht von Interesse zu sein, dass ich mich als Student damit beschäftige und diese Themen einzubringen versuche. Die Gründe werden mir mit Peter Baumgartners Ausführungen klarer. Fraglich bleibt nur, wie damit umzugehen ist.
A propos 'predefined schedule': Die Damen und Herren dort trifft man übrigens auch nur höchst selten Montags oder Freitags an... Aber ich schweife ab. [Update: siehe 'Offene Weblogs versus institutionelle Hierarchien?']
Lassen Sie uns dieses traditionelle Verständnis der Bildungsinstitutionen auch weiterhin zumindest irritieren, Herr Baumgartner. Ich bin sehr gespannt auf das neue Portal, by the way. ;-)

9 Kommentare:

  1. kris schrieb:
    Ist was dran, aber man darf auch die andere Seite nicht vergessen. Viele der Uni-Weblog-Projekte, die Du im Bildungsblog gelinkt hat, machen einen sehr traurigen Eindruck. Ich nehme an, dass es dort engagiert und interessierte Mitarbeiter gibt. Insofern funktionieren diese Weblogs auch deshalb nicht, weil sich auch die meisten Studenten nicht darauf einlassen.
    # 11. Mai 2004 - 11:34 Uhr
  2. Moe schrieb:
    heuzutage lassen sich die meisten Studenten auf gar nix ein, kris. Zumindest habe ich auch in interessanten Seminarne welche ganz konventionell und offline stattfinden mindestens ein Drittel Schnarchnasen drinsitzen. Ist also nicht unbedingt spezifisch fürs Medium. ;-)
    # 11. Mai 2004 - 11:38 Uhr
  3. Juliane Teege schrieb:
    Meiner Erfahrung nach herrscht an der Uni (fast) keinerlei Interesse, sich mit anderen Themen als den EDV-"Standards" (sprich MS, SAP usw.) zu befassen, weder seitens der Lehrkörpers, noch seitens der Studenten. Ich habe mittlerweile aufgehört, mich darüber zu echauffieren.
    # 11. Mai 2004 - 12:15 Uhr
  4. Moe schrieb:
    Ich (noch) nicht. Es ist nicht so schwer zu kapieren, dass man einen Text auch in was anderem als Word schreiben kann (und das es oft viel mehr Sinn hat) ;-)
    # 11. Mai 2004 - 12:49 Uhr
  5. kris schrieb:
    Moe, wenn Weblogs wirklich ein revolutionäres Bildungskonzept sein wollen, dann sollte es damit auch gelingen diese Schnarchnasen zu begeistern. Sowas wie Begeisterung erreicht man nicht durch ein Medium an sich, dazu braucht man auch Konzepte und charismatische Persönlichkeiten. Mein Eindruck ist, dass diese Tatsache bei allen Diskussionen um Weblogs vernachlässigt wird.
    # 11. Mai 2004 - 12:56 Uhr
  6. Moe schrieb:
    Nach wie vor sehe ich kein Kriterium darin, ob man damit zahlenmässig eine wesentlich höhere Quote von Lernern erreicht als in regulären Seminaren.
    Grundsätzlich müsste natürlich der Einsatz von Weblogs in ein Theoriekonzept eingebunden werden und eher konstruktivistische Ansätze verfolgen, das ist richtig. Ich denke schon, dass Weblogs zu einer anderen Qualität und offenerem Lernen beitragen kann, wenn das Thema es denn her gibt.
    Und zumindest in Teilen kann auch die Auseinandersetzung mit dem Medium an sich bereits zu neuen Wissensinhalten oder Perspektiven beitragen, denke ich. Gerade dann wenn der Lerner davon noch gar kein Vorwissen hat.
    # 11. Mai 2004 - 13:14 Uhr
  7. kris schrieb:
    Ich finde gerade die Auseinandersetzung mit dem Medium an sich eher hinderlich. Wenn ich Deine Liste durchklickere, dann scheinen sich alle Projekte, die Weblogs benutzen, auch irgendwie um das Thema Weblogs zu drehen. Warum nicht einfach Weblogs für ein ganz normales Thema verwenden? Wenn jemand eine Veranstaltung zu einem festumrissenen Thema macht, dann ist es doch die ganze Metadiskussion über Weblogs, die vom eigentlichen Ziel ablenkt.
    # 11. Mai 2004 - 13:43 Uhr
  8. Moe schrieb:
    Hmm ich glaube ich hatte das falsch formuliert. Mit 'Auseinandersetzung' meinte ich weniger eine meta Ebene, als den Umgang mit den Technologien, welche die Inhalte ja eben auf eine bestimmte Art und Weise strukturieren.
    Als wir die Einführung in die Erziehungswissenschaft letztes Jahr mit einem Wiki statt mit einem Forum im Inet begleitet haben hatte ich den Eindruck, dass die Leute in der Tat dezentralisierter und contentorientierter als in einem Forum gearbeitet haben. Wiki an sich wurde eigentlich nur auf den Präsenztreffen, aber nicht im Web-Bereich thematisiert, dennoch hatte es einen Einfluss darauf wie die Lernen thematische Inhalte wahrgenommen und auch selbst generiert haben.
    # 11. Mai 2004 - 14:00 Uhr
  9. jurijmlotman schrieb:
    hier ist eine gebloggte seminararbeit (horribile dictu, aber toll)...
    ... über das sofa-blog und den blog an sich. <a href="http://myblog.de/showblog.p...

    natürlich bietet es sich an, so ein formales (und ästhetisches) zuerst über blogs zu machen. so wie ja auch die besten blogs immer auch blogs-über-blogs sind.

    aber ich denke doch, dass auch andere themen bearbeitbar sind. kriterium dürfte eher sein: themen, die die websphere und die mediasphere betreffen und dementsprechend auch durch verlinken neue dimensionen eröffnen.

    ich selber bin ja fan von wikiblogs (wie vanilla, snipsnap, cuntilla, links gesammelt <a href="http://phaidon.philo.at/mar...).
    # 13. August 2004 - 18:36 Uhr

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