Daß der Tag irgendwie blöd laufen würde, ahnte ich eigentlich schon beim Frühstück. Statt Musik hörte ich Stimmen aus dem Radio plärren; es handelte sich wohl um die Übertragung einer politischen Debatte. Ich wußte ja, der Tag würde blöd laufen, sagte meine innere Stimme zu mir. Unsinn, antwortete ich ebenso laut wie entschieden, schüttete Milch auf mein morgendliches Müsli und drückte trotzig auf eine Taste der Fernbedienung, um den Titel der Sendung abzufragen. Das Interaktivmodul des Radios generierte eine freundliche Frauenstimme, die mir den Titel der Sendung mitteilte. "Erste Sitzung der Enquete-Kommision zur Verabschiedung des Neurobionik-Gesetzes: Debatte um mögliche Nebenwirkungen von Neuroprothesen". Das Wort "Neuroprothese" löste bei mir stets ungute Gefühle aus, und auch diesmal wurden die Hände feucht und das Herz begann zu klopfen. Ein wenig Milch landete abseits des Tellerrandes. Ein Feuerwerk von Assoziationen begann sich zu entzünden, ich spürte auf einmal wieder den Geruch von Desinfektionsmitteln in meiner Nase und die Krawatte um meinen Hals fühlte sich an wie ein Beatmungstubus in meiner Trachea. Seltsam, wie lebendig die Erinnerung noch war, dabei war der Unfall jetzt schon mehr als fünf Jahre her.
Dahinleben im Neurochip. Ein erkenntnistheorischer Disput aus der Sicht eines Patienten mit neurobionischer Schizophrenie. Von Gunther Eysenbach.

