Weblogs als 'Bürgermedien'?

25. März 2004 - 16:39 Uhr - Moe
Bürgermedien werden durch das Internet nicht obsolet; im Gegenteil: die Erfahrungen und Qualifikationen, die in der jahrelangen Praxis erprobt werden konnten, sind auch für die Entwicklung des neuen Mediums Internet von großer Bedeutung. Berücksichtigt man die legitimen Interessen der ökonomisch uninteressierten Mehrheit, muss in den bekannten Kategorien Partizipation und Demokratisierung gedacht werden. [...]
Die Mediengeschichte zeigt, dass kein Medium jemals ein anderes völlig verdrängt hat, sondern immer nur das Gesamtbild komplettiert und damit verändert hat.
[Quelle: buergerrundfunk.de]

Also ich kann mit dem Begriff 'Bürgermedien' noch immer nicht viel anfangen. 'Bürgerlich' ist für mich erstmal ein nicht sonderlich positiv besetztes Atrribut, was aber auch daran liegen könnte dass ich die positiven Konnotationen damit ausgrenze.
Zweifelhaft erscheint es mir zumindest, mit einer steigenden Partizipation in einem bestimmten Medium auch zu erwarten, dass das Verhältnis einer 'wertvollen' Nutzung ansteigt. Wobei ich das aus dieser Perspektive bewusst als wertend ansehen würde, die Schlagwörter wären wohl Demokratisierung, Teilhabe, Many-to-many, oder wie man es nun eben nennen möchte. Selektionsleistungen finden erst einmal nicht mehr durch Einzelne statt, was mir im Widerspruch zum unlängst gefallenen Begriff eines 'Gatekeepers' zu stehen scheint.

Wenn ich nun an klassische Bürgermedien denke kann ich eigentlich nur auf meinen höchst begrenzten Erfahrungsschatz zurückgreifen. Da fällt mir erst einmal nur der Offene Kanal Giessen ein, ein regionaler Fernsehkanal, der über das Kabelnetz der Stadt und des Landkreises Giessen bezogen wird und den BürgerInnen die Möglichkeit geben soll, dort selbst produzierte Inhalte zu senden. Wobei Mike, wenn ich mich recht erinnere, sich da mal mit ein paar Kumpels eine Absage für ein Projekt eingefangen hat, weil es zu bizarr sei um es zu senden oder so etwas in der Art :)

Werfen wir nun doch einmal einen Blick auf die Sendungen dieser Woche:
  • "Rabatz in Bonifaz, Teil 1" (und 2): Aufzeichnung der Faschingssitzung vom 13. und 14.02.2004 im Gießener Martinshof.
  • "Norwegen 2003 - The best of -"
  • "Nordstadtfernsehen" (?)
  • "Kurdischer Musik- und Kulturabend, Teil 1" (und 2)
  • "2. Groß-Eichener Rhönrad Show, Teil 1" (und 2)
  • "Spot Stier" (Spot über ein Aufputschgetränk.)
  • Dampflokomotiven in Mittelhessen"
Von diesen insgesamt 10 Sendeterminen würde ich sagen, dass man dreien davon eine auf irgendeine Art und Weise demokratisierende, bildende oder kulturelle Dimension nachsagen kann, nämlich dem Stier-Spot und dem kurdischen Kulturabend. Wie gesagt bezieht sich dies auf meine oben mal eben angenommene Wertungskategorie. Und um ehrlich zu sein hat es mich auch gewundert, dass nicht noch mehr Aufzeichnungen irgendwelcher Kirchenchöre und Schultheater im Programm sind, so wie es sonst üblich ist.
Wobei ich diese Inhalte gar nicht abwerten will; es steht nur nicht zu erwarten dass sie irgendeine die Gesellschaft sonderlich verändernde, demokratisierende oder emanzipatorische Funktion besitzen. Was aber auch gar keine Notwendigkeit ist. Denn geht es nicht viel mehr schlichtweg um die Möglichkeit der Partizipation für möglichst viele?
Denn eines haben all diese Inhalte gemeinsam: Sie sind selbstbestimmt und frei gewählt, ausserdem unabhängig von ökonomischen Verwertungsinteressen. Prinzipiell hat erstmal jeder die Möglichkeit der Teilhabe, und es werden Schulungen im Umgang mit der Technik angeboten. Und ist es nicht das, worauf es erst einmal ankommt?

Sicher, es können sich hier und da Effekte einer (Informations-)Demokratisierung aus dem Medium heraus ergeben. Daraus lässt sich in meinen Augen aber nicht ein Postulat der Macht des Mediums, und die Forderung nach einer kritischen Nutzung dessen legitimieren. Es steht zu erwarten, dass Bürgermedien Randgebiete der Medienlandschaft bleiben; auch wenn sie in diesem oder jenem Medium vielleicht die Verhältnisse ein wenig ändern. Ein gigantisches Wachstum unabhängig eines Marktes sehe ich in einer Gesellschaft, welche die Regulation durch die Märkte als ein wesentliches Leitprinzip erkoren hat, momentan aber nicht gegeben. Vielleicht wird sich dies erst dann ändern, wenn die Systeme völligst destabilisieren.

Wenn wir nun also das Medium Weblog als 'Bürgermedium', so wie ich es in diesem Beitrag rudimentär verstehe (was ja durchaus auch völlig falsch sein kann), begreifen, so müsste das Ziel doch eigentlich darin bestehen, einer möglichst grossen Menge von Menschen das Betreiben eines Weblogs möglichst einfach zu machen. Was die Vermittlung des (schwammigen) Konzeptes "Blogging", der anzuwendenden Techniken sowie die erforderliche technische Infrastruktur notwendig macht.
Darüber hinaus sehe ich weder eine Möglichkeit, noch eine Notwendigkeit, normative Forderungen an die Inhalte von Weblogs zu stellen. Wie ich schon sagte, glaube ich nicht, dass ein eventueller Effekt (im Sinne einer Konsequenz) einer möglichst breiten Nutzung eines Mediums ein vorab aufgestellte normative Forderung sein kann. Lobbyismus wäre dem wahrscheinlich auch eher gegenläufig, nebenbei. Irgendwie weckt das bei mir Assoziation mit einer 'Blog-Gewerkschaft'. Und das scheint mir eher das letzte zu sein, was wir hier brauchen.

Eine konstruktive Diskussion über Bürgermedien wird sich eventuell von der Denkweise 'klassischer' Medien und Märkte verabschieden müssen, um dem eigenen Anspruch gerecht zu werden.

9 Kommentare:

  1. Irrlicht schrieb:
    "bürgerlich" lehnt in diesem zusammenhang das konzept der aufklärung und das damit verbundene entstehen einer bürgerlichen öffentlichkeit

    http://www.krref.krefeld.sc...
    # 25. März 2004 - 16:47 Uhr
  2. Irrlicht schrieb:
    an das... an
    # 25. März 2004 - 16:48 Uhr
  3. Moe schrieb:
    hätte ich jetzt noch nichmal gemerkt. den begriff des bürgers hätt ich in der tat besser recherchieren können, aber naja, wozu iss man blogger? :)
    aber so am rande, ist das brügertum nicht letztendlich in seinen rechten erst durch individualisierung entstanden? oder schweife ich da jetzt ab? fragen über fragen.
    # 25. März 2004 - 16:51 Uhr
  4. Irrlicht schrieb:
    *räusper* die herausbildung des individuums ist ein weiteres produkt der aufklärung, vor allem im zuge der säkularisierung -- aber bevor ich hier weiter schlau tue -- prost!
    # 25. März 2004 - 16:53 Uhr
  5. Martin schrieb:
    Eine komplizierte Sache. Was den Funk anlangt, biete ich den Blick auf einen Text von 1997 (Hier ist Radio Datenbank): http://www.kritische-masse....
    Darin zum Beispiel die Unterscheidung zwischen "Offenem Kanal" und Bürgerfunk.

    Und zweitens einen von 2002 mit dem Titel: Ästhetische Tauchgänge im Wellenbad - Hörfunk der Zukunft: Krise der Radio-Kultur und lokale Utopien (http://www.nmz.de/nmz/nmz20...).

    Du schreibst: "Darüber hinaus sehe ich weder eine Möglichkeit, noch eine Notwendigkeit, normative Forderungen an die Inhalte von Weblogs zu stellen." Dem stimme ich zu. Schon aus dem simplen Grund, dass "weblogs" eigentlich nichts anderes bezeichnen als eine Technik-Umgebung zur "einfachen" Publikation von Inhalten im Internet. Ob etwas handgecoded ist oder per Script-Module, spielt meines Erachtens keine Rolle.

    Dazu passen auch Einwürfe von Postman und Virilio: Neill Postman in seinem Buch "Wie amüsieren uns zu Tode":
    "Wie oft kommt es vor, daß die Information, die ich morgens dem Radio, dem Fernsehen oder der Zeitung entnehme, mich dazu verlanlassen, meine Pläne für den Tag zu ändern oder etwas zu tun, was ich sonst nicht getan hätte, und wie oft helfen mir die diese Informationen zu Einsichten in Probleme, die ich lösen soll? Zum ersten Mal in der Geschichte stehen die Menschen vor dem Problem, daß sie mit Informationen übersättigt sind damit gleichzeitig vor dem Problem, daß sich ihre soziale und politische Handlungsfähigkeit verringert hat."

    Ähnlich äußert sich der französische Philosoph Paul Virillio in einem Gespräch mit Sylvére Lothringer:
    "Es ist eine unendliche Kakophonie und Übersättigung der Wellen. Man kann nicht gerade sagen, das sei frei."

    Nur mal so als Anregungen eingeworfen.
    # 25. März 2004 - 17:02 Uhr
  6. torsten schrieb:
    also ich habe den begriff des bürgers in diesem zusammenhang überhaupt nicht historisch-soziologisch verstanden, sondern in dem sinne dass wir natürlich alle bürgerInnen sind, solange wir am gemeinwesen partizipieren (die unterscheidung bürgertum/arbeiterklasse ist doch inzwischen absolut hinfällig). spontan habe ich mich an brechts radiotheorie erinnert gefühlt (stichwort: vom kommunikations- zum distributionsorgan), da sehe ich hinsichtlich des bloggens großes potential.
    # 26. März 2004 - 10:35 Uhr
  7. Irrlicht schrieb:
    >also ich habe den begriff des bürgers in diesem zusammenhang überhaupt nicht historisch-soziologisch verstanden, sondern in dem sinne dass wir natürlich alle bürgerInnen sind, solange wir am gemeinwesen partizipieren

    ja, aber woher stammt dieses konzept? sagen wir mal im vergleich zur feudalgesellschaft? ;o) mit arbeiterklasse hat das nix zu tun...
    es ging auch eher darum, dass bürger nicht gleich spießbürger meint (da wollte moe wohl drauf hinaus...)
    # 26. März 2004 - 10:58 Uhr
  8. torsten schrieb:
    hm, die herkunft des konzepts wollte ich nicht bestreiten. und 'bürgerlich' als schimpfwort ist mir auch recht geläufig. aber von irgendetwas muss sich der begriff bürger ja unterscheiden, oder gibt es auch nicht-bürger? d.h. die negative seite der unterscheidung ist unbestimmt...
    # 26. März 2004 - 13:16 Uhr
  9. Martin schrieb:
    Zum Thema der bürgerlichen Öffentlichkeit, siehe Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, Neuwied 1987 (17. Aufl.), speziell §3 - Zur Genese der bürgerlichen Öffentlichkeit (S. 28 ff.)
    Im Folgeabschnitt - Soziale Strukturen der Öffentlichkeit heißt es: "Bürgerliche Öffentlichkeit läßt sich vorerst als die Sphäre der zum Publikum versammelten Privatleute begreifem; diese beanspruchen die obrigkeitlich reglementierte Öffentlichkeit alsbald gegen die öffentliche Gewalt selbst, um sich mit dieser über die allgemeinen Regeln des Verkehrs in der grundsätzlich privatisierten, aber öffentlich relevanten Sphäre des Warenverkehrs und der gesellschaftlichen Arbeit auseinanderzusetzen." (a.a.0., S. 42).
    # 26. März 2004 - 13:26 Uhr

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