Bildungskahlschlag an der Uni Giessen: Crash des Haushalts?

12. Februar 2004 - 13:46 Uhr - Moe
Anscheinend ist der Universität Giessen durch eine sehr kurzfriste Änderung irgendwelcher Berechnungspläne (zusätzlich zum Hochschulpakt, welchen die Landesregierung bereits aufgekündigt hatte) soviel Geld gekürzt worden, dass sie den Haushalt komplett gegen die Wand gefahren hat, was wenn ich das richtig verstanden habe eine 30prozentige Kürzung der Sachmittel sowie einen kompletten Einstellungs-Stopp nach sich zieht. Das Dumme ist nur, in dem Institut wo ich studiere laufen anscheinend 5/6 der Stellen zum Semesterende aus. Ob die Stellen neu besetzt werden dürfen und ob es das Fachgebiet in dem ich studiere nächstes Jahr überhaupt noch geben wird, ist somit in meinen Augen mehr als fraglich.
In einer Krisen-Sitzung der erziehungswissenschaftlichen Institute wurde dann bekannt gegeben, dass der Umfang der Lehre im nächsten Semester so je nach Institut nochmal um 20-40% zurückgefahren wird, und dass man nebenbei innerhalb der letzten 4 Jahre sowieso schon mal zu keinem Zeitpunkt mehr als 75% der eigentlich für die hiesigen Studentenzahlen nötigen Semesterwochenstunden angeboten hätte.
Die Tatsache, dass einzelne Professuren doch noch "gerettet" werden konnten, schien hier auch noch ein Grund für Applaus zu sein. Ich würde mir wünschen, dass sich diese Personen doch bitte mal trauen mögen, an die Presse zu gehen und öffentlich eindringlichst davon abzuraten, ein Studium der Erziehungswissenschaften (Pädagogik und Lehramt) an der Justus-Liebig-Universität Giessen aufzunehmen.
Der beste Witz nun ist, dass nebenbei auch das Prüfungsamt der Geisteswissenschaften nun nicht mehr mit einer Stelle besetzt sein wird. Das bedeutet, dass sich solange dann auch niemand zu einer Prüfung anmelden kann (!!). Selbstverständlich laufen StudentInnen sturm gegen diese totale Misere, das letzte Wort ist also noch nicht gesprochen.
Obwohl der Abschluss meines Studium also überhaupt nicht gewährleistet ist, werde ich um meinen Abschluss zu machen dank der von der CDU-Landesregierung Hessens eingeführten Studiengebühren nicht drum herum kommen, dem Land Hessen 1200€ für zwei Semester quasi als zinslosen Kredit zu geben (denn abgesehen davon, dass ich das Geld überhaupt nicht habe, würde ich es ja wiederbekommen wenn ich vor 2005/2006 fertig werde). Dafür, dass ich zahlender Kunde werde, wird mir dann immerhin auch das Fachgebiet vor der Nase weggekürzt oder der Rest der Lehre wird noch überfüllter als er es jetzt schon ist, oder wie soll das laufen?
Dazu muss man wissen, dass es schon seitdem ich hier studieren völlig normal ist, aus überfüllten Seminaren rauszufliegen und ein ordnunsgemässes Studium somit faktisch nicht möglich ist.
Aber nichts genaues weiss man bisher nicht, von daher bleibt mir nichts anderes übrig, als abzuwarten.
Denn seltsamerweise findet man aber auch nirgends auf den Webseiten der Uni irgendeine offizielle Information dazu. Ich frage mich ob das irgendeine Absicht, oder lediglich eine verfehlte Informationspolitik ist.
Das ist also die Operation Sichere Zukunft, live und in Farbe.
Ein erklärtes Ziel der CDU-Mehrheitsdiktatur im Landtag scheint darin zu bestehen, jegliche nicht direkt in einem kapitalistisch-ökonomischen Sinne verwertbare auszubeutenden Bildungsinhalte sowie die dazugehörigen Institutionen zu zerstören.
Ein solcher Bildungsbegriff ist mehr als fragwürdig, die gesellschaftlichen Folgeschäden jedoch sind unabsehbar.
(Diesen Beitrag gibt es auch im Weblog Gegen Studiengebühren und Bildungsabbau in Hessen)

5 Kommentare:

  1. René schrieb:
    Ich habe das komische Gefühl dass wir nächstes Semester wieder streiken (müssen). Vielleicht finden sich ja bei der gegenwärtigen Situation Professoren, die die einen Streik nicht nur ideologisch sondern auch aktiv unterstützen (etwa wie in Berlin).

    Das wirklich Traurige ist: träfe die Personalmisere irgendeinen "Mode" Fachbereich bzw. einen an dem die Industrielobby besonders interessiert wäre - Informatik, Jura oder BWL etwa - dann wär das Geschrei groß und die Medien wären voll davon. Aber Pädagogik, Kultur-, Geistes- und Sozialwissenchaften? Interessiert doch niemanden. Sind doch alles nur "langhaarige Bombenleger".
    (Womit ich nicht sagen will dass die Unileitung daran besonders viel Schuld hat)
    # 12. Februar 2004 - 15:30 Uhr
  2. kiesow schrieb:
    das streiken ist ja schön und gut. aber wenn studenten streiken interessiert das einfach keinen, erst recht nicht in der aktuellen wirtschaftlichen situation, die grundsätzlich zu konkurrenzdenken führt.
    der breiten öffentlichkeit ist es doch egal, ob die studenten streiken oder bis mittags im bett liegen und sich danach bekippen - ja, so werden studenten halt von vielen gesehen.
    # 12. Februar 2004 - 15:37 Uhr
  3. Moe schrieb:
    kiesow, die proteste gegen studiengebühren mögen noch irgendwie eine frage der meinung, politischen einstellung oder was-auch-immer gewesen sein.
    dass es aber unter den oben beschriebenen, jüngsten umständen schlichtweg unmöglich ist, ordnunsgemäss zu studieren halte ich eigentlich nicht mehr für auslegungssache.
    # 12. Februar 2004 - 15:40 Uhr
  4. kiesow schrieb:
    ich stimme dir ja zu. so kann es nicht weitergehen und in zukunft wird es noch schlimmer werden. vor allem wenn sie so ein müll wie elite-unis durchsetzt, für die dann ganz sicher keine zusätzlichen mittel freigemacht werden, sondern einfach nur aus anderen unis umgeschichtet wird.
    das problem ist nur, das man mit streiks einfach nicht erreichen wird. wenn die müllabfuhr streikt, stört das den einfachen menschen spätestens wenn die mülltonnen überquillen.
    wenn die journalisten streiken, stört es weil die zeitung morgens nur noch dünn ist.
    wenn die polizei "streikt", stört es das innenministerium sobald nicht mehr genug strafzettel und bussgeld verhängt werden.
    wenn der fabrikarbeiter streikt, stört es die geschäftsleitung, weil dadurch enorme kosten anfallen.

    es entsteht dann immer eine art druck, der den streik schnell beenden möchte. aber wen stört es, wenn studenten streiken? es hat halt keine direkten auswirkungen. ich seh einfach nicht, durch was ein studentischer streik druck auf irgendwen ausüben kann.
    # 12. Februar 2004 - 16:13 Uhr
  5. René schrieb:
    Was kann man denn als Student sonst machen? Nichts. Demonstrieren bringt noch weniger als streiken.Es ist nunmal leider so, dass Gruppen die keine Lobby haben ungehört bleiben.

    Leider haben viele Studenten aber immer noch nicht begriffen, dass der Streik kein Selbstzweck ist. Er soll die Möglichkeit bieten, den Protest an die Öffentlichkeit zu bringen, ohne befürchten zu müssen Fehltermine anzuhäufen. Denn wenn niemand studiert, gibt es auch keine regulären Veranstaltungen.
    # 12. Februar 2004 - 16:45 Uhr

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