Wozu sind Blogs nochmal da?

03. Februar 2006 - 11:07 Uhr - Moe
Thomas Leif erklärts uns:
Blogs sind auch eine Modeerscheinung, aber nichtsdestoweniger kann man sie sinnvoll nutzen. Sie können beispielsweise Impulse und Ideen für neue Themen liefern und stellen natürlich auch eine Informationsquelle und Kommunikationsbasis dar.

Wenn zum Beispiel jemand einen Film über die homosexuelle Szene und das Barebacking, also das bewusste Spiel mit dem HIV-Risiko, machen möchte, dann kann er über Blogs möglicherweise mit Leuten, die risikoreich Sex haben, in Kontakt kommen.
(Hervorhebung von mir)

Das war leider das mit Abstand erheiterndste, ansonsten eher das übliche Blaahh:
Nicht jeder Blogger ist Journalist. Den meisten Bloggern fehlt jegliches journalistisches Handwerkszeug. [...]
Ein herausragendes Qualitätsblog ist beispielsweise BILDblog.de. Das ist eine der Top-Ausnahme unter den Blogs: absolut professionell, inhaltlich exzellent und genuin journalistisch definiert.
Also ich will den Herren ja nicht zu nahe treten, aber ich finde das BildBlog meistens öde. Ja, es ist gut gemacht, ja, die machen sich Arbeit, aber es ist eben viel mehr ein Online-Magazin als ein Blog. Deswegen findets der Herr Leif ja wahrscheinlich auch gut (er kanns verstehen), aber es ist eben journalistisch und kaum authentisch oder persönlich. Für das, was in der Bildzeitung steht, interessiere ich mich nicht im Geringsten, und man muss schon wohl entweder Bild-Leser oder Journalist sein, um sich dafür zu interessieren. Das würde erklären, warum sauviele Leute das BildBlog lesen und warums auch die meisten Journalisten toll finden. Es gibt journalistische Kriterien, soweit ich weiss spricht sich die BildBlog-Redaktion über die Inhalte ab (nix personal publishing), aber es gibt keine Kommentare, Trackbacks, oder Technorati-Links. Doch es gibt Werbung. Für mich wäre das ein Online-Mag, welches ein Blog-CMS zur Veröffentlichung benutzt. Abgesehen davon, dass im BildBlog journalistisch gearbeitet wird, ist Journalismus an sich ja auch noch der explizte inhaltliche Bezugsrahmen, nämlich der Journalismus der Bildredaktion. Doch zurück zum Thema, denn das BildBlog soll hier nicht in die Schusslinie geraten. Ob es nun ein Blog ist oder nicht, ist eigentlich nicht die Frage, ich will hiermit nur aufzeigen, dass es keineswegs ein typisches Blog ist. Die machen da nicht irgendetwas besonders gut was mit bloggen zu tun hat, sondern da machen Journalisten gute journalistische Arbeit über ein journalistisches Thema. In einem Blog. Das können anderen Journalisten dann loben, aber es hat wie gesagt einfach nicht sehr viel mit Blogging zu tun.

Da lernt man viel mehr über die Selbstreferenzialität von Journalisten, als über Blogs. Die Gründe, warum BildBlog gelobt wird, bestehen ausschliesslich aus journalistischen Kriterien. An dieser Selbstreferenzialität bemisst der Herr Leif also Blogs. Ob er das auch mit Email-Listen oder Foren so macht, ist nicht bekannt. Je mehr dieser Artikel ich lesen, desto mehr habe ich den Eindruck was über die Krise des Journalismus zu lesen, anstatt über Weblogs.

Aber da schreiben auch andere drüber. Vielleicht erklärt mir ja Alex Rühle von der SZ bei der Gelegenheit auch mal, WTF ein "sozialpädagogischer Urchristenkonvent" ist, den er da heran ziehen muss um zu erklären, dass auch er nun endlich verstanden hat, was mit Web 2.0 gemeint sein könnte:
Die Internetgemeinde aber redet vom Web 2.0 in Begriffen wie auf einem sozialpädagogischen Urchristenkonvent: Ehrlichkeit, Vertrauen, Authentizität. In der Online-Enzyklopädie ¸¸Wikipedia" heißt es dagegen verblüffend offen: ¸¸Der Begriff Web 2.0 wurde bei einem Treffen des Verlegers O"Reilly und dem Eventorganisierer Media Live International als marktgerechter Begriff geprägt."
Verblüffend für Herrn Rühle. Aber irgendwann kommt das auch bei den Journalisten an, und wenn nicht, dann bleibt ja noch ein Blick in die verruchte Wikipedia dieser ganzen Amateure da draussen. "Ehrlichkeit, Vertrauen, Authentizität" ist übrigens ziemlich genau das, was der Herr Leif fordert. Aber der meint das ganz anders.

5 Kommentare:

  1. mikel schrieb:
    Ich hab schallend gelacht, als ich das Interview las. Ich frga mich wirklich, warum die immer über Blogs schreiben wollen, ohne zu verstehen, was das ist, da hast Du vollkommen Recht. Auch mit dem Bildblog. Es muss eine seltsame Welt sein, in der die PR-Leute, Berater, Journalisten und angehängte Wissenschaftler leben.

    Aber Blogs als CMS einsetzen hat was. Kommentare mal aus mal ein. Mach ich gerade zur Kommunalwahl für eine politische Partei, weil es halt einfach ist SO Meinung zu verbreiten. lol.
    # 03. Februar 2006 - 12:32 Uhr
  2. René schrieb:
    Ich finde diesen ständigen Schwanzvergleich zwischen Blogs und "normalen" Medien stinklangweilig und überflüssig. Und zwar von beiden Seiten. Dass SPON es nötig hat, auf Blogs rumzuprügeln ist ein Armutzeugnis für deren Redaktion (die ja angeblich wesentlich schlechter bezahlt werden als die richigen Spiegel-Journalisten) und dass Blogs (ja, damit meine ich auch dich, Moe) es nötig haben die Prügeleien aufzugreifen ist ähnlich armselig. Journalismus ist keine Frage des Trägermediums, jede weitere Diskussion erübrigt sich.
    # 03. Februar 2006 - 12:57 Uhr
  3. bl schrieb:
    Blogs sind ein sehr passendes Werkzeug, um vor allem SICH SELBST auszudrücken, also weg vom voll-konitionierten Herdenmenschen zum Individuum. So gesehen sind Blogs so etwas wie die Zeichen der Zeit.

    Dass "echte" Journalisten sich immer wieder darüber echauffieren ist nicht so erstaunlich, sehen sie doch ihre Felle immer mehr davon schwimmen.

    So: Express Yourself!
    # 03. Februar 2006 - 13:07 Uhr
  4. Gerd schrieb:
    Vergleiche bringen einen manchmal weiter, aber ich denke das mit diesem Urchristen Konvent und dieser verflixten Ehrlichkeit hats in sich; auch Klowände oder Pyjamas gibts im Angebot.

    Das Thema ist anscheinend immer noch nicht vom Tisch: Print Leser schwinden, feste Journalisten werden weniger, Blogs nehmen Online-Nachrichten Seiten potenzielle "air time" weg und die Kommunikation via Netzwerke und deren persönlichen Blogs verändert die Gewohnheiten des Journalistenhandwerks. Es ist vielleicht keine Prügelei, sondern eine wirkliche Veränderung und die Debatte geht weiter.....
    # 03. Februar 2006 - 21:17 Uhr
  5. kgblog schrieb:
    In diesem Interview stellt Thomas Leif seinem Berufsstand ein trauriges Zeugniss aus. Wenn Journalisten wirklich so viel Vertrauen in Texte im Web haben, disqualifizieren sie sich selbst. Und wenn sie wirklich so wenig selbstkritisch mit ihrer eigenen "Objektivität" umgehen, tuen sie mir einfach nur noch leid.
    # 04. Februar 2006 - 00:33 Uhr

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