Big Brother vs Kryptographie

07. April 2005 - 11:40 Uhr - Moe
Schade ist nur, daß als Begründung mal wieder Kinderpornographie und Terrorismus herhalten müssen. Aber man kennt das ja.
Polizei fürchtet Anonymität und Kryptographie im Netz

Als große "Grauzone der digitalen Welt" bezeichnet Harald Lemke, Staatssekretär im hessischen Innenministerium, die Möglichkeit zur Anonymisierung von Kommunikationsspuren im Cyberspace. "Das Internet 2010 ist anonym, alles ist verschlüsselt", warnte der Politiker am heutigen Mittwoch die rund 1000 Teilnehmer des 8. Europäischen Polizeikongresses in Berlin. Er warf die Frage auf, wie da die "öffentliche Sicherheit und Ordnung in dieser Nebenwelt sicher zu stellen sind" und sprach von einer enormen "strategische Herausforderung".
[heise online, via FetteMama ORG]

Die "Möglichkeit zur Anonymisierung von Kommunikationsspuren im Cyberspace" sind allerdings keine "Grauzone der digitalen Welt", sondern eine der wenigen Verprechungen, die das Netz bislang gehalten hat. Die Möglichkeit, via GnuPG /PGP verschlüsselt zu kommunizieren, ohne daß da jemand lauschen könnte. Der Satz "Das Internet 2010 ist anonym, alles ist verschlüsselt" ist doch eine der wünschenswertesten Utopien, die ich mir zu dem Thema so denken kann.
Wobei Anonymität und Kryptographie schon mal zwei Paar völlig verschiedene Schuh' sind, aber der Herr Lemke ist ja ausgemachter Experte, also lassen wir das mal außen vor.

Wenn man jedenfalls in Hessen schon die KFZ-Kennzeichen automatisch überwacht, Emails zur "präventiv-polizeilichen Telekommunikationsüberwachung" auch dann, wenn keinerlei Verdacht vorliegt abhört, und zum Abhören eines Telefonanschlusses nicht mal mehr eine richterliche Genehmigung braucht, dann muss es einem schon ein ziemlicher Dorn im Auge sein, daß irgendjemand noch in der Lage ist zu kommunizieren, ohne daß man auch das belauschen könnte. Auf Bundesebene läuft das nicht viel anders als in der Mehrheitsdiktatur Hessen. So forderte auch Schily unlängst mehr Überwachung.

Bei mir jedenfalls erfreut sich Instant Messaging über Jabber mit Psi und GnuPG Verschlüsselung zunehmender Beliebtheit. Meinen GnuPG Key gibts übrigens hier.

Anbei nochmal ein paar Links auf einige Infos zum Thema Verschlüsselung: Interessanterweise stört der Verlust des Privaten in Deutschland fast niemanden. Zumindest liest man nicht allzu viel drüber. Und es geht ja nicht nur darum Privatheit aufzugeben, sondern sich ebenso über dieses Wissen regierbar(er) zu machen.

7 Kommentare:

  1. Mario schrieb:
    Viele halten ihre Kommunikation für zu belanglos, als dass sie sich einer "Gefahr" bewusst werden könnten!

    Schickt man diesen Leute nun eine verschlüsselte eMail sind sie mit ihren Standard-Anwendungen (freemail.web.de, gmx.de, gmail.com, Outlook Express, etc.) einfach überfordert damit umzugehen. "Hä? Ich kann das nicht lesen! Was schickst Du denn für ein Scheiß? Warum verschlüsselt? Bist Du sooo wichtig?"

    Eine andere Fraktion, und da dazu zähle ich mich auch, halten diesen ganzen Wirbel (fälschlicherweise?) für einen Hype! Das Problem, dessen ich mir auch bewusst sein sollte: Irgendwann verschwinden diese Themen aus den Medien, es wird irgendwann mal umgesetzt und ist man dann von solch einer Aktion betroffen oder mit, eigentlich vertraulichen Infos über irgendwas aus seinem Leben unangenehm konfrontiert ist es zu spät.

    Also was tun? Auf die Straße gehen? Nur noch Anonymizer zum Surfen verwenden? Sind _wir_ nicht fast alle zu träge für solche Dinge zu kämpfen?

    Ich denke mal, wir sind alle dafür viel zu bequem. Eingelullt vorm Fernseher mit aktuellen Bilder aus aller Welt geht es uns viel besser und sicher sind wir da ja auch....
    # 07. April 2005 - 11:54 Uhr
  2. Sabine schrieb:
    Mal abgesehen davon, welches Problembewußtsein Menschen haben, sehe ich bei derlei Datenerhebung immer noch eine andere Seite: Wer will denn diesen ganzen Wust auswerten? Zu besserer Verbrechensbekämpfung führt dieser Mehraufwand bestimmt nicht. Wieder hilfloses Getue von irgendwelchen Politikern, die besser ihren "Beruf" aufgeben würden.
    Der gläserne Mensch ist keiner, den man besser "kontrollieren" kann. Zumal die "Kontrolleure" keine besseren Menschen sind als der Rest. Kontrollwut kann kein mangelndes soziales Engagement - von welcher Seite auch immer - ersetzen.
    # 07. April 2005 - 12:21 Uhr
  3. beberlei schrieb:
    also meine kommunikation ist noch völlig belanglos und daher brauch ich auch noch kein GNU Zeug. Wenn es dann allerdings mal irgendwann geschäftlich/berufliche e-Mails geben soltle würde ich schon darauf zurückgreifen.
    # 07. April 2005 - 14:21 Uhr
  4. Moe schrieb:
    @beberlei: Nur weil Du nix zu verbergen hast, heisst das noch nicht notwendigerweise, daß Du diese Einschnitte in Deine Privatsphäre gutheissen musst..

    Ich denke doch, das Wissen über die Kommunikationsinhalte der breiten Bevölkerung dürfte für einen Regenten doch irgendwie interessanter als die Mails einiger weniger Terroristen sein, wenn es mal um die Machtkomponente dabei geht.
    # 07. April 2005 - 14:59 Uhr
  5. beberlei schrieb:
    Ja da hast du wohl Recht. Im grundegenommen heiße ich die Einschnitte in meine Privatsphäre nicht gut, aber der Aufwand das zu unterbinden ist mir einfach zu groß. Abgesehen davon, die ganzen Computernoobs mit denen ich kommuniziere springen mir an die Gurkel, wenn die GnuPG installieren sollen :p

    Ich traue ja den Geheimdiensten alles zu, aber in einer Datenerhebung über E-Mail Gesprächsthemen eines jeden Bürgers sehe ich keinen größeren Zweck. :)
    # 07. April 2005 - 16:54 Uhr
  6. djo schrieb:
    Naja, was die Innenminister samt Polizeistab fordern ist noch lange nicht geltendes Recht. Dazu passt eine Heise-Meldung: http://www.heise.de/newstic... "Datenschützer: Anonymität im Netz ein gesetzlich verbrieftes Recht".
    Und, wie es schon Ludwig Erhard für die Wirtschaftspolitik einforderte: Der Staat soll die Leute in Ruhe lassen und nur dann aktiv werden, wenn sie selbst nicht dazu in der Lage sind, sich selbst zu helfen.
    # 07. April 2005 - 21:44 Uhr
  7. djo schrieb:
    PS: <i>Weichert fordert Lemke nun zur Einsicht auf, "dass das ULD schon seit Monaten einen intensiven Dialog mit Polizei und Staatsanwaltschaften über den Ausgleich von Datenschutz und Kriminalitätsbekämpfung führt". Der Staatssekretär sei dazu eingeladen. Man werde sich aber weiter "unzweideutig zur Wehr setzen, wenn Möchtegern-Internetpolizisten ohne Anzeichen von Technikverständnis populistisch den Datenschutz als Täterschutz diskreditieren".</i>
    Populismus ist genau das richtige Wort - und das auch noch auf Kosten der Bürger. Wenn es ja ein Freizeit-Populist wäre, dann wäre es ja schon schlimm genug. Aber so...
    # 07. April 2005 - 22:14 Uhr

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