Deutschland, Blog-Entwicklungsland?

26. April 2005 - 10:36 Uhr - Moe
Mario Sixtus hat bei Heise einen Artikel über die Weblog-Konferenz "Les Blogs" in Paris geschrieben:
Jochen Wegner, Wissenschaftsredakteur des Focus, zeichnet ein pessimistisches Bild der deutschen Bloglandschaft: "Deutschland ist definitiv Entwicklungsland in Sachen Blogs."
[...]
Aber Wegner hat noch weitere Thesen für die deutsche Blog-Verweigerung parat:

* Es gebe nicht ein einziges wirkliches "Impact-Blog",
* keine ernsthaft betriebenen professionellen Blogs
* und sehr wenig qualitative Blogs.
* Ferner seien die Eliten in Deutschland technologiefeindlich,
* die Menschen würden sich sehr an Reputation orientieren,
* in Deutschland existiere keine Kultur der Rhetorik,
* und schließlich gebe es kein öffentliches Verständnis für Blogs oder wenigstens für die Idee des "Freedom of Speech".
Impact, Ernsthaft, Qualität, Elite. Sind das die Begriffe die Euch einfallen, wenn Ihr ans Bloggen denkt? Die letzten drei Punkte find ich da wesentlich besser. Vielleicht aber nur, weil ich da keine Ahnung habe ob sie stimmen. Ansonsten dacht' ich ja immer, das Blog-Entwicklungsland seien die Schweizer.

17 Kommentare:

  1. Michael schrieb:
    Vielleicht verbringen die Deutschen einfach mehr Zeit in anderen Ecken des Internets. Usenet, IRC, Messageboards, Chatrooms und so weiter?
    # 26. April 2005 - 17:34 Uhr
  2. marlowe schrieb:
    Also, den Punkt Qualität finde ich schon wichtig, wenn man ihn weit fasst. Mit diesem Kriterium könnte man die vielen absolut belanglosen Blogs sortieren (genauer, mit der Abwesenheit von Qualität). Viele von den Blogs bei 20six sind einfach absolut belanglos, oder nur für den kleinen Personenkreis interessant, der den Blogger persönlich kennt.
    Ein besseres Kriterium als Qualität wäre dann allerdings so etwas wie "Themen des betreffenden Blogs sind grundsätzlich für einen größeren Adressatenkreis interessant, der nicht nur das persönliche Umfeld des Bloggers umfasst" = "Angestrebte Öffentlichkeit des Blogs". Dieser Wert korreliert wahrscheinlich mit Qualität.
    # 26. April 2005 - 19:00 Uhr
  3. Irrlicht schrieb:
    andere orte des internetz? DAS geht ja nun gar nicht! ;-)
    # 26. April 2005 - 19:17 Uhr
  4. cs schrieb:
    Qualität ist doch sehr subjektiv. Ein Blog ist nun einmal keine Zeitung oder Nachrichtenagentur sondern eine persönliche, meist auch private Veröffentlichung. Und auch wenn ein Blog nur einen kleinen Freundeskreis (auch virtuelle Freunde, die den Blog irgendwie gefunden haben) interessiert, so bietet dieser Blog dann doch für diese Leute etwas. Wer soll sich da anmaßen, von Qualität zu reden? Man brauch den entsprechenden Blog doch einfach nicht zu lesen, wenn es einem nicht passt. ;->
    # 26. April 2005 - 19:50 Uhr
  5. apollon schrieb:
    Ich schätze Menschen nicht sonderlich, wenn sie sich über die "Qualität" ihrer Mitmenschen herablassend äußern. Das ist in diesem Fall ganz bestimmt so.

    Im übrigen haben offenbar deutsche Redakteure einen überbordenden Hang zur Miesmacherei. Siehst dus, Herr Sixtus - auch bei Ihnen ist das offenbar so.
    # 26. April 2005 - 20:19 Uhr
  6. Dave schrieb:
    @apollon: Eine Äußerung über die Qualität eines Weblogs ist noch keine Äußerung über die Qualität eines Mitmenschen.
    @cs: Das Qualität großenteils subjektiv ist trifft ja nicht nur auf Blogs zu, sondern auch auf Bücher, Bilder, Musik und in gewissem Maße auch Zeitungen und Magazine. Bei letzteren kann man aber aufgrund der normalerweise einigermaßen klaren Zielsetzung die Qualität zumindest zum Teil daran messen, wie gut die Zeitung dieser Zielsetzung gerecht wird; *vorgeblich* sind ja z.B. die Zielsetzungen von BILD, FAZ und Gießener Anzeiger in gewissen wesentlichen Punkten gleich.
    Vielleicht ließe sich mit dem Qualitätskriterium also bei solchen Blogs arbeiten, die einen gewissen journalistischen Standard für sich beanspruchen (egal ob explizit oder implizit)?
    # 26. April 2005 - 21:54 Uhr
  7. Siegfried schrieb:
    Den Vortrag von Wegner, wenn er den gleichen gehalten wie, wie schon die beiden Male, als ich den Vortrag einmal auf englisch und einmal auf deutsch gehört habe, habe ich nicht so negativ in Erinnerung, wie Sixtus das jetzt für Heise zusammengeschrieben hat.
    Sicherlich ist die Analyse so zusammengefasst ein wenig herb - aber das liegt sicherlich auch daran, dass hier einfach noch nicht so viel passiert ist, wie beispielsweise in Frankreich. Wobei man für Frankreich dazusagen muss, dass die Millionen von SkyRock Blogs wohl auch ein ziemlich komisches Niveau haben. Loic sprach dabei mehr von SMS-Blogs. Das wird halt vom Sender Skyrock gepusht und hat sich wohl verbreitet. Anders sicherlich die Blogs, die bei LeMonde laufen. Das wird aber von Loic aber bereits seit einiger Zeit angeschoben und die LeMonde'ler haben sich drauf eingelassen und fahren damit recht gut.
    Andererseits entwickeln sich hierzulande aber auch einige Blogs die durchaus lesenswert sind. Ganz so negativ würd ich die Sache also gar nicht sehen.
    @apollon: das kam beim Wegner Vortrag aber definitiv nicht so rüber.
    Obwohl ein wenig Ansporn sicherlich tut täte ;-)
    # 26. April 2005 - 22:15 Uhr
  8. JanSchmidt schrieb:
    Zum Thema "Qualität" gab es vor einigen Wochen eine kleine Diskussion bei Martin Roell (http://www.roell.net/weblog...).
    Ich habe damals vermutet, dass die aufgeregte Diskussion um Qualität in Weblogs vor allem damit zusammenhängt, dass wir "medienhistorisch" davon ausgehen, dass etwas, das öffentlich ist, auch automatisch qualitätsvoll ist (im Sinne von "öffentlich relevant"). Das Internet an sich, und Weblogs im Speziellen, lösen diesen Zusammenhang auf - ich kann Dinge "öffentlich" machen, die vielleicht nur für meine 5 Freunde relevant sind; vielleicht schreibe ich sogar noch recht gefällig, aber selbst wenn nicht: Genau darin liegt die Qualität von Weblogs, dass sie sich gewissermaßen ihre Öffentlichkeit suchen.
    # 26. April 2005 - 23:54 Uhr
  9. Falkd schrieb:
    Eigentlich sind wir Deutsche medienmäßig recht einfach zufrieden zu stellen. Selbst das Fernsehen, das nicht Werbefinanziert ist, sendet auch eher seichte Kost und Belanglosigkeiten (für nicht-Volksmusikhörer).
    Ferner fallen mir unter den Bloggern schon große Namen ein, die zumindest unter Bloggern allen bekannt sind (Vowe, Schockwellenreiter, Lumma, Don Alphonso,...).
    Dann haben wir auch eine Anzahl von Webseiten die in puncto Form, Interaktivität und Updatefrequenz einem Blog sehr ähnlich sind - auch wenn Dirk Olbertz ihn nicht dazu zählt; der Heise-Ticker ist ein Blog (!) - was Aufmerksamkeit von reinen Blogs abzieht.
    Es gab schon mal die Äusserung der Schlafanzugs-Redakteure pikanterweise auch aus Printmedien-Kreisen (wimre stern). Denn es gibt hier ein Konkurrenzdenken; die Zeitungsleute fürchten um ihre Kundschaft.
    # 27. April 2005 - 18:55 Uhr
  10. thecod schrieb:
    Wir nehmen das alles mal wieder viel zu ernst, finde ich.

    Blogging muss Spass machen. Und Blogs lesen erst recht.
    Nicht mehr und nicht weniger.

    Ob jemand ernste Diskussionen bevorzugt, oder eher wahllos spassige Einträge, das sei doch dahingestellt und jeder soll bloggen oder lesen, was er will!

    Hört auf mit der Deutschen Sinnfindung!

    Warum müssen Blogs jetzt auch noch UNBEDINGT ernst und sinnvoll sein und riesige Diskussionen moderieren - dafür haben wir doch die (aussterbende) Tagespresse... und bei einigen sogar mittlerweile Foren, wo man sich auslassen kann.
    # 28. April 2005 - 00:09 Uhr
  11. Moe schrieb:
    @falkd: Der heise Newsticker ist meines Erachtens nach mitnichten ein blog, denn er ist nicht subjektorientiert, bezieht sich kaum auf die Blogosphäre, und hat wechselnde Autoren sowie eine redaktionelle Kontrolle.

    @thecod: einige BloggerInnen möchten vielleicht diesen Platz der aussterbenden tagespresse übernehmen, wäre da so meine Vermutung.
    # 28. April 2005 - 13:07 Uhr
  12. Anobella schrieb:
    Was mich bei der Diskussion um Weblogs langsam wundert, ist die Tatsache, dass nie ihre Grenzen diskutiert werden. Immer nur "Entdecke die Möglichkeiten." Nie "Entdecke ihre Grenzen". Mir geht die Wichtigtuerei von manchen Bloggern ehrlich und authentisch oft auf den Geist. Gerade die, die glauben, dass sie die Materie so exemplarisch im Griff haben. Die jedes fünfte Wort ohne jede Substanz mit einem weiterführenden Link unterlegen, der dann zu einer Tourismusseite über Japan IM ALLGEMEINEN führt. Oder die sich ungebeten auf ein Weblog vertrackbacken, der ihnen schon lange ein Dorn im Auge ist. Warum? Weil er mehr Flow hat, mehr Kommentare, interessantere Leute. Ein triftiger Grund, regelmäßig darauf zu verweisen, dass man selbst genauso interessant ist, wenn nicht interessanter (auf jeden Fall: der bessere Journalist!); auch wenn es keine Sau sieht, weil ansonsten nie ein Kommentar erscheint.
    Weblogger können eine Pest sein, ehrlich. Und man weiß oft nicht, wer der Idiot am anderen Ende der Tastatur eigentlich ist.
    Anobella
    # 28. April 2005 - 18:51 Uhr
  13. kris schrieb:
    das mit der technologiefeindlichkeit raffe ich nicht. ich dachte immer, ein vorteil von blogs ist die einfachheit. man muss eigentlich nur raffen, wie das ganze netzwerk vom menschlichen her funktioniert.
    # 29. April 2005 - 10:11 Uhr
  14. Moe schrieb:
    Naja ich weiss nicht wen er mit Elite meint, aber viele Menschen tun sich schon dabei schwer, einen Email-Client einzurichten. Also falls sie schon soweit sind, verstanden zu habe,n dass Email nicht automatisch gleich Webmail ist.
    # 29. April 2005 - 13:01 Uhr
  15. Brainstorm schrieb:
    Vielleicht gibt es einfach nur wichtigere Dinge als Blogs und zu bloggen?
    :-)
    # 01. Mai 2005 - 23:10 Uhr
  16. Gerd Stodiek schrieb:
    Es geht meines Erachtens um die Kultur der freien Meinungsäußerung in Deutschland, und die muss sich noch ein bisschen in unseren Köpfen niederschlagen. Das wäre dann der Artikel 5 im Grundgesetz, also ein Gesetz! Es ist super ok eine Meinung als Hans Wurst zu haben und die ist vielleicht sogar sehr konstruktiv. Und eine gehörige Portion Optimismus würde dem Ganzen sicherlich helfen, da sind wir auch noch Entwicklungsland. Das schöne an Blogs ist ja das jeder machen kann damit was er oder sie will. Und das Grenzenlose ist gerade das Schöne.
    # 05. Mai 2005 - 00:57 Uhr
  17. Hank schrieb:
    "freedom of speech", mich wundert das nicht, sagst du hier deine meinung, bekommste direkt einen auf dem deckel, wenn du pech hast, gleich noch eine anwaltsrechnung hinterher! und das man mit einem blog machen kann was man will stimmt nicht! weblogs sind kein rechtsfreier raum. blogs sind ganz leicht über suchmaschinen zu finden. dort sollte also nichts über personen oder unternehmen geschrieben werden, das man nicht auch woanders öffentlich sagen würde. auch das urheberrecht gilt für blogs! nur eine einfache abmahnung kostet dem, der sie bekommt 500-, euro. mir persönlich erschließt sich nicht, wie sich pro abmahnung eine strafe von 500-, euro berechnen läßt! Deutschland hätte gute Bloger, aber sie werden nicht gelassen!

    Bis densen und gute Nacht Bloger - Deutschland!!
    # 28. Mai 2005 - 06:06 Uhr

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