Was ist die Blogosphäre?

23. April 2005 - 17:19 Uhr - Moe
Ich sehe gerade den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Was bedeutet der Begriff "Blogosphäre" denn eigentlich genau? Da es keine in Stein gemeisselte Definition für einen relativ neuen, erfundenen Begriff geben kann, ist wahrscheinlich die tatsächliche Verwendung entscheidend. In dem Weblog cassandra was right! hieß es mal:
I have the feeling that the word "blog" is the linguistic equivalent of a Rorschach image: Everyone who's heard it knows it has something to do with the internet, and beyond that they paint in details from their own experience.
Und ich denke mal, darin liegt die Natur die Sache. Es handelt sich ja um einen "emergenten" Begriff, welcher daher natürlich mit der persönlichen Bedeutung den die jeweiligen Akteure ihr beimessen gefüllt wird. Aber gibt es nun sowas wie in "allgemeines" Verständnis, welches von einer erheblichen Zahl der BloggerInnen auch getragen wird?

Whatis.com beschreibt den Begriff "Blogosphere" als
a term some writers have used to describe the grassroots and interactive journalism made possible by participants in blogs (logs or journals maintained on the Internet) and the symbiotic relationship between bloggers and traditional journalists.
und haut damit in die Blogs-vs-Journalismus Kerbe, was mir vom Ansatz her viel zu verkürzt erscheint.

Wiktionary sagt, der Begriff "Blogosphere"
Refers to the totality of blogs, especially to the unique jargons, cultures and shared interests that are created by the interconnected blogs.
Das gefällt mir schon mal deutlich besser. Nur das Problem ist in diesem Fall doch irgendwie, daß hier eine vermeintliche Objektivität postuliert wird, welche sich, wie es mit der Objektivität leider so oft ist, in Paradoxien verheddert. Nicht nur, daß man sich "objektiv" ja quasi als "Abwesenheit eines konstruierenden Subjekts" vorstellen muß und somit Aussagen über Dinge die sich ausserhalb eines erkennenden Beobachters befinden treffen will, stellt sich außerdem noch die Frage, wie denn die erwähnte "totality of blogs" wahrnehmbar sein sollte. Es ist weder möglich, eindeutig zu kategorisieren, was denn nun überhaupt ein Weblog ist und was nicht, noch ist es möglich, die Gesamtheit aller Weblogs zu betrachten. Weder auf einmal, und bei zig Millionen Weblogs eigentlich auch nicht hintereinander.

Eine ähnliche Definition findet sich in der Wikipedia:
Blogosphere (alternate: blogsphere) is the collective term encompassing all weblogs or blogs; blogs as a community; blogs as a social network. Weblogs are densely interconnected; bloggers read other's blogs, link to them, reference them in their own writing, and post comments on each other's blogs. Because of this, the interconnected blogs have grown their own culture.
Blogosphere is an essential concept for blogs. Blogs themselves are just web formats, whereas the blogosphere is a social phenomenon.
Daß der Begriff "Blogosphäre" hier also als "collective term" verstanden wird könnte man so deuten, daß es hier anscheinend nicht unbedingt auf die Gesamtheit aller Weblogs, sondern auf den "kleinsten gemeinsamen Nenner" ankommt. Betont wird, daß vernetzte Weblogs, bzw die Blogosphäre also eine eigene "Kultur" oder Kulturen (?) hat. Ob damit nun grundsätzlich einfach nur irgendwie ineinander vernetzte Weblogs im Allgemeinen oder aber eben doch alle gemeint sind, ist mir noch nicht so klar.

Wenn der Begriff Blogosphäre nun die Gesamtheit aller Weblogs meinen sollte, dann frage ich mich, wofür der Begriff gut ist. Ok, er sagt aus, daß es da Personal Publishing gibt und daß die Autoren die Möglichkeit einer gegenseitigen Bezugnahme haben. Aber ansonsten kann es da ja nicht mehr soo viel geben, was über 50 Mio. Weblogs gemeinsam haben. Zumindest nicht, was die Inhalte angeht. Kulturell wohl auch nicht, da ideologische wie politische Überzeung, sozialer Status, Bildungsstand und keine Ahnung was wohl auch ziemlich auseinandergehen dürften. Wenn wir mal die Studien von Blog-Werbern wie Copeland, die uns eine Welt reicher, gebildete, weißer Blogger herbeikonstruieren wollen mal ganz frech außer Acht lassen. Ob man das einfach so ignorieren bzw den Wahrheitsgehalt solche Studien bezweifeln kann ist allerdings nicht so klar. Thomas Pleil hat mir da in den Kommentaren des verlinkten Beitrags widersprochen. Wenn man sich die Statistiken von 5,8Mio. Usern bei LiveJournal ansieht, könnte man sich allerdings schon fragen, wieviele ältere Männer nun bloggen müssten, um allein nur auf die von Copeland behaupteten Zahlen (75 Prozent männlich und über 30 Jahre, gefragt wurden über 30.000 Personen, die von sich sagen, regelmäßig Blogs zu lesen) zu kommen. Ok, ich will jetzt nicht weiter auf den methodischen Schwierigkeiten von Online-Befragungen rumreiten. Auch nicht darauf, warum es mehr als seltsam ist, wenn jemand dessen Geschäft Blog-Werbung ist als Ergebnis seiner Studie herausbekommt, daß Blogger angeblich sehr gut gebildet und kaufkräftig sind. Es könnte natürlich aber sein, daß sich LJ-User gar nicht selbst als "Blogger" oder ihre Journals als "Blogs" wahrnehmen, und damit stellt sich der Begriff "Weblog" mal wieder genauso tükisch dar. Die Diskussion darüber, ob man das nun an Form, Features oder Inhalt festmachen kann haben wir hier ja mehr als einmal geführt, und sind selten zu einem konsensuellen Ergebnis gekommen. Ich für meine Teil kann nur sagen, daß ich die Features schon mal für ziemlich zu vernachlässigen halte, wenn es um Definitionsfragen geht. Eine Suchfunktion oder eine Kommentarfunktion macht in meinen Augen kein Blog (auch wenn ich persönlich darauf viel Wert lege) und spielt daher für diese Frage keine Rolle. Also deutlich ist mir bis hierher eigentlich nur geworden, daß ich mal wieder keine Ahnung hab wovon ich schreibe. :)

Um den Begriff nun zu bestimmen, scheint es mir am logischsten, zunächst mal auf grundlegende Eigenheiten von Personal Publishing zu verweisen, die zunächst unabhängig von Content oder Selbstverständnis eines Bloggers sind. Also wenn wir nun mal von bloggenden Individuen ausgehen und die Nutzung von Blogs als Redaktionssystem u.Ä. ausser Acht lassen, dann denke ich, daß folgende Eigenschaften konstitutiv für die Blogosphäre sind: Sie ist dezentral, netzwerkartig bzw rhizomatisch, undeterminierbar und unterliegt keiner redaktionellen Kontrolle. Die weiteren, oben beschrieben Eigenschaften gehen dann aus dieser Struktur hervor. Also scheint mir der auch in dem Wikipedia-Artikel erwähnte Umstand, daß die Blogosphäre aufgrund der gegenseitigen Bezugnahme ein soziales Phänomen sei, das eigentlich Wichtigste zu sein.

Aber, und nun habe ich den Faden endgültig verloren, worauf ich hinauswollte ist, daß ich mich frage, inwieweit man den Begriff Blogosphäre weniger als unbeobachtbaren, allumfassenden Kosmos aller Weblogs verstehen kann, als vielmehr als den jeweils subjektiven Eindruck, den wir als Individuen von dem uns bekannten Kosmos miteinander vernetzter Weblogs haben. Denn das "Soziale" des Phänomen "Blogosphäre" muss ja irgendwie auch konkret situiert sein, immerhin gehts da um individuelle Menschen die sich begegnen. Durch Interaktion in der Blogosphäre bildet sich ein Verständnis bzw ein subjektives Bild der Blogosphäre heraus, welches auf individuellen Interessen, Voraussetzungen und Handlungen beruht, und mit der "objektiven" Realität (zb schmatisch dargestelle Weblogs mit ihren Vernetzungen untereinander) nur bedingt übereinstimmt. So können zb Relationen zueinander oder "Wegstrecken" sehr unterschiedlich wahrgenommen und dementsprechend auch (in der Vorstellung) repräsentiert werden. Zwar besteht eine Korrespondenz zwischen den "objektiv" abbildbaren Strukturen ineinander vernetzter Weblogs, doch die Repräsentation dessen in unseren Köpfen dürfte jeweils nicht nur sehr stark davon abweichen, sondern auch durch erhebliche intersubjektive Unterschiede gekennzeichnet sein.

Oder anders ausgedrückt: Für mich als Einzelnen kann die Blogosphäre doch zunächst nur aus dem bestehen, was ich über sie weiss. Also quasi aus den Blogs, die ich besucht habe und von deren Existenz ich weiß, und aus den Wegen, also den Links denen ich gefolgt bin. Natürlich muss ich davon ausgehen, daß es deutlich mehr Blogs da draußen gibt als die die ich persönlich kenne. Einerseits, weil mir das ständig gesagt wird und andererseits, weil ich ja überwiegend irgendwo den Namen eines Blogs lese das ich nicht kenne, oder einen Link zu einem Blog-Eintrag, dem ich nicht folge. Erleben kann ich aber nur einen Bruchteil davon. Welcher Teil das ist, hängt von meinen persönlichen Interessen und auch meinem subjektiven Verständnis dessen, was Bloggen (für mich) ist ab.

Damit wäre also "Blogosphäre" ein Begriff, der einerseits unsere jeweils individuell erfahrene und konstruierte Vorstellung "unserer" Blogosphäre, sprich der "benachbarten" Blogs und allen anderen die wir wahrnehmen und mit denen wir interagieren beinhaltet, und sich ausserdem noch auf das Wissen bezieht, daß es noch viele andere Blogs da draussen gibt von denen wir entweder noch nix wissen oder die uns nicht interessieren.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ebenso wie Weblogs an sich stark subjektorientiert sind, lässt sich auch der Begriff Blogosphäre bzw dessen Deutung so verstehen. Wenn wir nun über die Blogosphäre reden, meinen wir also entweder eine relativ unspezifische, sehr grosse Menge heterogener Weblogs (nämlich so ungefähr alle). Oder aber wir gehen von einem impliziten Verständnis unserer Wahrnehmung dessen, was wir in konkreten Situation tatsächlich als für uns auf irgendeine Art und Weise relevantes Weblog bezeichnen aus. In ersterem Fall kommen wir erstmal nur zu relativ allgemeinen Aussagen, und im letzterem Fall werden wir so spezifisch, daß ein Konsens über den Begriff wahrscheinlich jedesmal wieder aufs Neue ausgehandelt werden muss, damit man überhaupt über dasselbe redet.

Macht das so noch irgendeinen Sinn?

Und zwei weitere Fragen die daran anschließen sind:
  • Was bedeutet "Blogosphäre" für Dich?
  • Würdest Du sagen, daß die meisten anderen Blogger die Du kennst Deine Auffassung des Begriffs teilen?

21 Kommentare:

  1. Sencer schrieb:
    Ausführlich, aber dafür auch interessant zu lesen.

    Für mich ist die Blogosphäre v.a. eine Idee und weniger etwas greifbares oder eine abgrenzbare konkrete Menge. Insofern teile ich sicher einige der Meinungen die du geäußert hast. Mit "Idee" meine ich, dass es etwas ist dass man im Englischen wohl "Narrative" nennen würde, eine Erzählung. Die Blogosphäre ist der gedankliche Überbau, die Motivation, die Story die man den Menschen "verkauft"/erzählt um dem Tun des jeweils einzelnen mehr Sinn zu geben. Plötzlich kann man mit der Zeit die man sowieso online verbringt, auch noch etwas bleibendes verbinden, einer Sache die größer ist als man selbst. Sie gibt den Menschen da draußen die doch eigentlich alle über sehr unterschiedliche Dinge schreiben, eine gemeinsame Geschichte die dazu dient einander zu begegnen. Egal wie einen das Meta-Blogging auf dem Senkel geht, und wie konsequent man sich von dem selbstreferenziellen Sommerloch-Thema "Blogs - wir über uns" abzukehren versucht, irgendwann diskutiert man mitten drin - und wenn man sich nur darüber aufregt, dass die anderen es ("schon wieder!") tun.

    Für die anderen? Ich glaube für viele ist Blogosphäre die Echo-Kammer der "A-List"-Blogger - also die Menge der Blogger die zur "A-List" dazu gehören (was immer das heißt) und der die es unbedingt wollen. Aber vielleicht ist das auch nur ein Stereotyp, den es nur vereinzelt gibt...?
    # 24. April 2005 - 00:09 Uhr
  2. Sascha Carlin schrieb:
    Blogospäre ist für mich ein leerer Begriff. Ungefähr so, als versuche man, von einer Homepageospäre zu sprechen. Blogs sind ein Hype und Blogosphäre ein Begriff, diesem Hype Substanz zu geben.

    Ich denke nicht, das die meisten anderen Blogger meine Aufassung teilen, einfach weil ich das Blog selbst nur als ein technisches Tool empfinde, etwas zu tun, was ohne ein solches Tool schwer gewesen ist. Du erinnerst Dich vielleicht an meinen Text zu 'Self Publishing': http://www.itst.org/web/280...
    # 24. April 2005 - 01:09 Uhr
  3. Ada schrieb:
    Ein allgemeines Verständnis, oder eine gut Definition gibt es immer dann, wenn jemand etwas Treffendes, ganz kurz, in schlichten Worten sagt. Also schlicht und ergreifend, muss es sein und dann kommt das Wort so in den Duden und ins Lexikon, dass sind dann die Definitionen an die wir uns halten können, sie geen Halt und Sicherheit, doch - verdammt was ist Halt und was ist Sicherheit, was ist etwas Treffendes und plötzlich schwimmt das sichere Wort davon, und wir erkennen belämmert: Es gibt keine feste Wortdifinition, dennoch reden wir so und glauben fest daran, dass der andere auch das hört was wir meinen, dieser Glaube ist unsere moderne Religion und um ein Profet zu werden, frage nicht nach der Begrifflichkeit, lege sie fest und man wird dir ohne Diskusionen folgen ...
    Ada ist wieder online!
    Liebe Grüße - Ada :-)
    # 24. April 2005 - 11:28 Uhr
  4. Sencer schrieb:
    Ada, ich weiß nicht ob man mit solchem uber-relativistischen blah heute noch jemanden beeindrucken kann.

    > Also schlicht und ergreifend, muss es sein und dann kommt das Wort so in
    > den Duden und ins Lexikon

    Nein, das ist natürlich nicht korrekt. Wo hast du dich darüber informiert wie Duden und Lexika arbeiten?

    > Es gibt keine feste Wortdifinition, dennoch reden wir so und glauben fest
    > daran, dass der andere auch das hört was wir meinen

    Sprache ist konstruktivistisch, es geht nicht um richtig oder falsch, sondern um die Zweckmäßigkeit/Nutzen von Wort-definitionen. Oder um es mit meinem Lieblingsautor Schulze zu sagen:

    "Wenn man sich die unendliche Geschichte terminologischer Auseinandersetzungen in der Sozialwissenschaft vergegenwärtigt, etwa die Debatten über die Begriffe Kultur, Politik, Situation, Ästhetik u.a., wird man bei der Konzeption eines terminologischen Systems von der Vorahnung begriffsrealistischer Einwände befallen: Begriff X sei ja eigentlich etwas ganz anderes; die wirkliche Bedeutung von Konzept Y werde durch die Definition nicht erfasst; Terminus Z sei falsch expliziert, sein wahrer Gehalt sei von dieser Explikation verschieden usw. Dass die platonische Ideenlehre nur noch philosophiegeschichtliche Relevanz hat, dass die Konstitution von Bedeutung und ihre Gleichsetzung mit Sprachzeichen durch Definition immer nur nach Zweckmässigkeitskriterien, nicht nach dem Gesichtspunkt der Wahrheit beurteilt werden kann, ist eine wissenschaftstheoretische Trivialität, die keine Erwähnung mehr verdiene, würde sie nicht ständig missachtet."
    (Die Erlebnisgesellschaft, G. Schulze, S.731)
    # 24. April 2005 - 11:45 Uhr
  5. mikel schrieb:
    These 1

    Die Blogsphäre ist eine Erfindung derjenigen, die damit Geld verdienen wollen oder Angst um ihr bißchen Geld haben. Die fliegen sich alle gerade in Paris ein und erzählen der Welt in welchen Hotels sie schlafen, tolle Burschen das., hängen dann nachts an den Hotelbars ab, wie alle anderen Handelsreisenden auch.

    These 2

    Es gibt viele quietschfidele lockere Verbindungen von Schreibern, die sich freuen, dass es endlich Software gibt, die es einfach macht sich zu äußern, zu was immer auch immer.

    These 3

    Dies macht die Herren von These 1 so traurig, dass sie ob der Qualität weinen möchten, wie alle echten Deutschen.

    mikel (bloggt einfach so vor sich hin, solange es noch geht)
    # 24. April 2005 - 21:51 Uhr
  6. Moe schrieb:
    @Sencer: Die Blogosphäre als eine Idee zu betrachten gefällt mir gut. Denn letztendlich ist es eine Erfindung, und es geht darum, Weblogs im Großen und Ganzen also bestimmte Qualitäten zuzuschreiben. Das wäre dann wohl das, was die in den von mir oben genannten Definitionen mit "Culture" meinen..?
    Was den Begriff "A-List" angeht, so halte ich diesen zumindest im deutschen Sprachraum für fehl am Platze. Denn dazu sind hier alle (noch?) zu klein. Also wenn man mal davon ausgeht, daß man sowas an Visits oder Inbound Links bemisst. Ich bin mir aber auch nicht sicher, ob diese hierarchische Betrachtungsweise für was gut ist.

    @Sascha: IM Gegensatz zu Homepages könnte man aber schon sagen, daß Weblogs stärker subjektbezogen und diskursorientiert sind. Natürlich *muss* das nicht so sein, da die technische Struktur die Nutzung nicht diktiert (aber vielleicht erleichtert). Ich denke auf diesen Umstand will der Begriff "Blogosphäre" verweisen. In der Tat gehts aber eigentlich im Kern der Sache wohl erstmal mehr darum, daß sich Menschen und nicht Blogs vernetzen und gegenseitig aufeinander beziehen.

    @Ada: Ich glaube ich hab Dich nicht verstanden. ;)
    Aber in der Tat denke ich, daß es in Weblogs nicht leicht ist, intentional *eine* feste, bestimme Deutung zu tranportieren, eben weil sich die LeserInnen natürlich ihre eigenen Gedanken machen, und die Leserschaft auch zu heterogen ist, um jetzt von sonderlich viel gemeinsamen "Background" ausgehen zu können.

    @Sencer zum zweiten: Sprache ist konstruktivistisch, aber nehmen das die meisten SprecherInnen auch so wahr? Ich denke nicht, und insofern ist da kein Widerspruch zu Adas Aussage "dennoch reden wir so und glauben fest daran, dass der andere auch das hört was wir meinen". Oder kann man das auch anders verstehen?

    @mikel:
    >Die Blogsphäre ist eine Erfindung derjenigen, die damit Geld verdienen wollen

    Meinst Du das Ernst..? Und was gibts denn gegen das Trefen in Paris zu sagen? Ich hab das leider nur am Rande mitbekommen und habe nicht vor, hinzufahren.
    # 25. April 2005 - 12:43 Uhr
  7. Arne schrieb:
    Ich bin klar bei Sencer! Blogosphäre ist sehr viel mehr als "nur" die Masse der Blogs; der Begriff schließt die "große Idee" mit ein, also etwa nicht nur die Diskussion IN Blogs, sondern auch ÜBER Blogs in anderen Medien, ihre Wahrnehmung, ihren Einfluss.

    Problem beim Begriff der "großen Idee": es gibt sie nicht. Die Blogosphäre selbst IST die große Idee, ihr eigener Ursprung und ihr eigenes Ziel. "Blogosphäre" ist ein Begriff praktisch ohne Inhalt, weil er sich selbst als Bezug nimmt, rekursiv ist.

    Was haltet ihr davon: Die Blogosphäre ist, was sie ist.
    # 25. April 2005 - 17:16 Uhr
  8. Korinther schrieb:
    Moe, bist Du dir sicher, dass der "Begriff, welcher daher natürlich mit der persönlichen Bedeutung den die jeweiligen Akteure ihr (besser doch ihm) beimessen, gefüllt wird"? Ist es nicht vielleicht vielmehr ein fest oder loses Anhaften der Bedeutung an den Begriff? Und wenn ja, an welcher Seite der Begrifflichkeit haftet die persönliche Bedeutung an? Drückt man sich nicht vor der Analyse, wenn man einfach nur von Befüllung spricht? Nagut, auch das wirft Fragen auf. Ist der mit persönlicher Bedeutung befüllte Begriff halb voll oder halb leer? Ich werde mal schauen ob ich zu diesen Aspekten irgendwo ein Forum oder eine Newsgroup finde.
    # 25. April 2005 - 17:50 Uhr
  9. Moe schrieb:
    Wenn Du eine bessere Formulierung weisst, kannst Du sie gerne vorschlagen, Korinther. Also für den Fall, daß Du diesem Text einen Sinn entnehmen kannst. Ansonsten würde ich vorschlagen, doch bitte den eigenen Nickname zu verwenden.
    # 25. April 2005 - 18:03 Uhr
  10. Moe schrieb:
    @Arne: "Die Blogosphäre ist, was sie ist", OK darin gipfelt die Rekursion wenn man das mal bis zum bitteren Ende weiterdenkt.
    Aber ist die Bezeichnung "Blogosphäre" wenn sie eine "großen Idee" enthält nicht letztenendes ein ideologischer Begriff? Denn ob es sie nicht gibt, da bin ich noch nicht so sicher. Immerhin wird Weblogs immer wieder mal sowas wie Informationsdemokratisierung, die Förderung der zumindest virtuellen Freiheit der Rede usw. nachgesagt.
    # 25. April 2005 - 18:08 Uhr
  11. JanSchmidt schrieb:
    Sehr spannende Diskussion! Hier mal meine two cents [aus einer wissenschaftlichen Perspektive]:

    Als Begriff ist die Blogosphäre durchaus geeignet, um die Gesamtheit aller Weblogs zu bezeichnen, so im Sinne von "Blogstats beziffert die deutschsprachige Blogosphäre auf etwa 50.000 Blogs" etc. Ganz pragmatisch also als einen etablierten Begriff für ein Phänomen verstehen.

    Ich würde die Blogosphäre aber nicht als "geistigen Überbau" verstehen (wie Sencer das in seinem ersten Kommentar andeutet), weil er durchaus auch auf einen Gegenstand verweist (der allerdings immateriell ist bzw. nur in Datenstrukturen existiert): Auf das Netzwerk, das zwischen einzelnen Weblogs besteht. Dieses Netzwerk ist nicht homogen verteilt, sondern weist einzelne, mehr oder weniger große Cluster auf: ein dicker Brocken LiveJournal hier, einige antville-Blogs da; eine große Community um Spreeblick herum, nur wenige Besucher beim "xyz mag Katzen"-Blog.
    Kriterien für die Identifikation solcher Sub-Cluster gibt es genug (incoming links; Anzahl der hits; thematisch ähnlichkeiten; geschlossene gruppen bei LiveJournal, etc.) - letztlich können wir also immer bestimmte "Sub-Blogosphären" bilden und die für sich genommen anschauen, ihre Entwicklung über die Zeit verfolgen, sie mit anderen "Sub-Blogosphären" vergleichen, etc.
    Ich würde das dann nochmal unterscheiden von der Gesamtheit der mir bzw. dem jeweils Einzelnen zugänglichen Weblogs - ich helfe mir da immer mit dem Begriff "mein Informationsrepertoire" oder "Blog-Repertoire".

    Um dem "Phänomen Blogosphäre" auf den Grund zu gehen, würde ich aber eine andere Perspektive wählen, die an Moe's Gedanken anschließt: "Also scheint mir der auch in dem Wikipedia-Artikel erwähnte Umstand, daß die Blogosphäre aufgrund der gegenseitigen Bezugnahme ein soziales Phänomen sei, das eigentlich Wichtigste zu sein."
    Gerade um das "Soziale" in den Begriff zu bekommen, lohnt es sich, die Praktiken des Bloggens anzuschauen: Was machen Menschen, wenn sie bloggen? Welche Normen, Konventionen und welches Wissen "rahmen" die Kommunikation in Weblogs, welche Erwartungen herrschen bei Autoren wie bei Lesern vor?
    Die einzelnen Sub-Blogosphären sind meiner Meinung nach vor allem durch unterschiedliche Praktiken gekennzeichnet - Ein Katzenblogger bloggt anders als ein Schockwellenreiter! Die Leser wissen das jeweils (oder finden es schnell heraus) und entscheiden dann jeweils individuell, ob ihre Erwartungen erfüllt sind und sie wiederkommen oder vielleicht auf das Blog verlinken, es in die Blogroll setzen oder den feed abonnieren. So bauen sich aus den Praktiken langsam die Netzwerke auf, die dann wiederum einen Einfluß darauf haben, wie ich oder jeder Einzelne das Bloggen und die Blogosphäre verstehe.
    Treibe ich mich in den USA bei den War- und Politblogger herum, rückt die Blogosphäre als journalistisch hergestellte Öffentlichkeit in den Mittelpunkt. Lese ich Martin Roell und Klaus Eck, lerne ich Bloggen vor allem als ein Tool für berufliches Networking und Organisationskommunikation kennen. Beschränke ich mich auf LiveJournal, ist Bloggen für mich vor allem ein toller Weg, über die kleinen und großen Ereignisse im Leben meiner Freunde auf dem Laufenden zu bleiben.

    Ok, genug soziologisiert.. :)
    # 25. April 2005 - 20:39 Uhr
  12. mikel schrieb:
    @moe
    so meinte ich das:
    http://www.heise.de/newstic...

    ;-)

    mikel
    # 25. April 2005 - 22:50 Uhr
  13. Moe schrieb:
    @mikel: durch einen unkommentierten Link auf einen Artikel wird Dein Standpunkt für mich nicht wirklich klarer. Ich gehe mal davon aus Du willst damit an dieser Stelle Position beziehen aber das Thema nicht wirklich inhaltlich diskutieren..?
    # 26. April 2005 - 10:38 Uhr
  14. Sascha Carlin schrieb:
    Danke Jan. Es geht tatsächlich nicht um TrackBack, RSS und Atom, sondern darum, was die Menschen damit tun.

    > Regardless what terms we use, one thing is for sure: community is about the people inside and outside our community building, not about the excavator or concrete used to construct it.

    Suche und ersetzte in diesem Satz 'community' durch 'blogosphere' (Quelle: http://www.itst.org/web/336...)
    # 26. April 2005 - 10:48 Uhr
  15. mikel schrieb:
    Ok denn. Es geht mir um Vereinnahmungen. Irgendwer spricht beständig über den wabernden Begriff Blogsphere, Sphäre oder Community. Ich erinnere mich noch gut an das schöne Wort BBS-Community, lang lang ist es her. Es ist bereits äußerst schwierig einen Begriff wie „Nation“ genau zu definieren, wie will man denn dann diesen Begriff Blogsphere definieren können? Was habe ich mit chinesischen Bloggern zu schaffen, deren Schriftzeichen ich noch nicht einmal entziffern kann? Ich meine das gar nicht abwertend, sondern stelle nur zur Debatte, dass eine einheitliche Blogsphäre auch eine einheitliche Sprache voraussetzte. Dies ist nicht der Fall, wie ich auch in diesem Blog feststelle. ;-). Also spreche ich einer einheitlichen Blogsphäre die Existens ab. Es gibt hunderttausende von Sphären, wie im richtigen Leben auch, in jeder Kneipe gibt es Sphären und keine Kneipensphäre. Ich empfinde genau dies als den Charme des Ganzen. Der Unheitlichkeit, der politischen Inkorrektheit, ein Abbild des Lebens. Aber : Es gibt beständig Bemühungen diesen Bloghype als zusammenhängende Sphäre zu beschreiben, um viele Sphären manipulieren zu können, warum auch immer, zumindest um damit Geld verdienen zu können. (Damit meine ich NICHT Bloghoster, das sind Dienstleister, wie andere auch) Wann wird das politisch werden. „Wir Blogger“? Ich lasse mich ungern in eine nicht vorhandene „Sphäre“ hineinschreiben, egal wohin sie driftet, nur weil ich ab und an etwas ins Netz stelle. Das meine ich. Wie oft hast Du schon gelesen: „Und so was machen Blogger“. Da gleitet etwas gar ins pseudoreligiöse ab. So etwas empfinde ich zum Fürchten. Und für meine Begriffe versuchen da einige eine nicht vorhande Sphäre für sich zu nutzen. Die Konferenz in Paris zähle ich dazu, einige Referenten dort ganz bestimmt, samt Berichterstattern. Daher der Link. Ich amüsiere mich übrigens sehr bei Heise die Forentrolle zu diesem Thema zu lesen. Im Prinzip hast Du den Begriff gut umschrieben. Aber wiegesagt: Ich für meinen Teil will nicht vereinnahmt werden. Eines Begriffes wegen. Muss er eigentlich definiert sein? Können wir nicht einfach vor uns hinbloggen?
    # 26. April 2005 - 11:27 Uhr
  16. Moe schrieb:
    @JanSchmidt: Danke für Deinen Kommentar :)
    Also den Begriff "Blogosphäre" als Gesamtheit aller Weblogs zu verstehen ist ja anscheinend die üblichste Verwendung, nur wie gesagt ist dann noch nicht klar, was derjenige der ihn verwendet denn nun für ein Weblog hält, und was nicht. Schon da gehen die Deutungen ja oft genug auseinander.

    Was den "gedanklichen Überbau" von dem Sencer sprach angeht, ich sehe da nicht wirklich einen Widerspruch zu dem Netzwerk von Weblogs, auf welches die Blogosphäre verweist, wie Du schreibst. In der Wikipedia Definition kommen die ziemlich schnell vom gegenseitigen Referenzieren zur "Culture", und das eine bedingt das andere ja zumindest auch.
    Vielleicht bekomme ich die Begriffelichkeiten aber auch noch nicht klar genug auseinander.

    Die Blogosphäre als Clusters zu betrachten gefällt mir ganz gut, nur denke ich mal es wird schwer, da valide Kriterien zu finden, was man warum und wie zusammen gruppiert. Dazu fällt mir gerade ein, daß was ähnliches mal bei Flickr gemacht wurde, das könnte vielleicht ganz interessant sein:
    http://www.flickr.com/group...
    http://www.flickr.com/group...
    (natürlich hatten die es insofern leichter, dass alles in derselben Form auf derselben Plattform vorliegt)

    Zu softwarespezifischen Clusters hat Kris hier vor 2 Jahren mal einen guten Kommentar geschrieben:
    http://weblog.plasticthinki...

    Du betonst ja auch, daß unterschiedliche Clusters unterschiedliche Praktiken aufweisen werden, welche wiederum Einfluss auf neue "Teilnehmer" haben könnten.

    Dennoch wird dem Effekt, den Weblogs haben durch den übergreifenden Begriff Blogosphäre Rechnung getragen. Nun stelle ich mir die Frage nach den Gemeinsamkeiten, während Du die Unterschiede im Fokus hast - glaub ich zumindest. ;)

    Nur was bleibt an Gemeinsamkeiten bei einer derart heterogenen Menge? Eigentlich doch nur noch die Form, welche eben diskursive Netzwerke durch gegenseitige Bezugnahme erleichtert, oder? Also eben der soziale Charakter des Bloggens, welcher *dann* zu den ausdifferenzierten Clusters führt.

    Würdet Ihr das so sagen?
    @mikel: Danke für Deine Geduld mit mir :)
    OK, dann habe ich Dich glaube ich richtig verstanden, was die Vereinnahmung angeht. Nur empfinde ich das nicht so. Wenn mich jemand als Fussgänger bezeichnet, habe ich auch nicht den Eindruck, daß mich jemand vereinnahmen möchte, da ich mich genug von der Masse der Fußgänger abgrenzen kann *g*

    Aber im Ernst: Ich gebe Dir absolut Recht, was die Definitionsschwierigkeiten angeht. Als ich mit meinem Bruder Mike über das Thema gesprochen habe, meinte er auch der Begriff "Blogosphäre" sei eben ungefähr so unbestimmt wie zb "Politik", in dem Sinne daß zwar jeder eine implizite Vorstellung des Begriffs hat, diese jedoch krass voneinander abweichen können.

    Ich denke aber dennoch, daß Sammelbegriffe Sinn machen können: So wie jede Kneipe eine eigene Sphäre haben kann, wäre der Begriff "Kneipensphäre"(n) eben als Sammelbegriff aller möglichen Sphären in den verschiedenen Kneipen zu verstehen. So gesehen würde der Begriff Blogosphären in der Merhzahl vielleicht wirklich mehr Sinn machen.

    Ich denke dass dies, und die von Jan erwähnten Clusters gut den von mir im Beitrag erwähnten Ansatz passen, den Begriff Blogosphäre als das jeweils subjektive Verständnis eines aktiven Individuums zu begreifen, welches sich in einem oder mehreren dieser Sub-Sphären oder Cluster bewegt bzw diese konstituiert.
    # 26. April 2005 - 12:23 Uhr
  17. JanSchmidt schrieb:
    @Moe: Nochmal zur Abgrenzung von Clustern oder "Sub-Blogosphären": Anhand welcher Kriterien man einzelne Teile aus dem gesamten Netzwerk gruppiert, ist letztlich sicher vom "Erkenntnisinteresse" abhängig. Für manche Zwecke mag es hilfreich sein, die top 100 Blogs nach Leserzahl zu isolieren, oder für andere Zwecke, die Blogs eines hosting providers wie twoday.net zu isolieren. Aber das ist letztlich sicher eine (forschungs)pragmatische Frage.

    In Form von persönlichen Lieblingsblogs und "Blog-Repertoires" hat ohnehin jeder Nutzer nochmal seine eigenen Lektüre-Cluster bzw. seine eigene "Blogosphäre". Für mich als Soziologen wird diese individuelle Blogosphäre dann interessant, wenn andere Leute hinreichend ähnliche Blogosphären haben, sich also soziale Regelmäßigkeiten finden lassen. Und da würde ich eben argumentieren, dass diese regelmässigkeiten mit bestimmten "praktiken des bloggens" zu tun haben.

    Und noch ein letzter Punkt, eher eine frage: Wenn die Blogosphäre vor allem aus Links besteht - gehört dann nicht auch heise.de oder spiegel online etc. zur blogosphäre, weil das ja mit die am häufigsten in weblogs verlinkten web-quellen sind?
    # 27. April 2005 - 00:21 Uhr
  18. Moe schrieb:
    Ich denke nicht, daß heise, spiegel & co zum Begriff der Blogosphäre gehören, da es es sich dabei nicht um die Publikation von durch ein Weblog repräsentierten Individuen handelt welche Praktiken des Bloggens ausführen, und weil eine redaktionelle Kontrolle vorliegt.
    # 27. April 2005 - 20:16 Uhr
  19. Mr.Blog schrieb:
    un ich sach noch: jupp, pass mir bloß up, dat disch auch jeder versteht.
    de leute wollen wat lernen un nich mit kopfschmerzen nach hause kommen.

    Zitat aus "der Herr der Worte" (Springer Verlag)

    Herzlich willkomen in der Blogosphäre ;)
    # 04. Mai 2005 - 09:49 Uhr
  20. jurijmlotman schrieb:
    ich sehe kein problem mit der guten wikipedia-definition, so wie auch nicht mit einer abstrakten definition überhaupt.

    die blogosphere besteht nicht aus menschen, sondern aus kommunikationen (http://phaidon.philo.at/mar...), und kommunikationen sind so etwas wie "semantische ereignisse" oder "sprachspiel-züge". das sprachspiel als ganze ist die blogosphere. dass sie nicht exakt abgrenzbar ist, ist kein definitorisches problem.

    interessant ist dagegen die frage, wie sich "blogosphere" verhält zu "semiosphere" (http://www.google.at/search...) und "mediasphere" (http://www.mediologie.org/p...).
    # 10. Juni 2005 - 16:40 Uhr
  21. Royal_23 schrieb:
    möchte dich nur mal beglückwünschen zu diesem hervorragend geschriebenen artikel. so soll es sein. gedanken schweifen lassen, fragen aufwerfen, antworten geben, soweit es geht, viel verlinken und zusammenhänge aufzeigen.
    klasse
    hab ich direkt mal bei mir im blog erwähnt
    # 12. Juni 2005 - 18:03 Uhr

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