Frau Merkel und das Soziale des Arbeit-schaffens

26. November 2005 - 16:38 Uhr - Moe
Es gibt schon heute deutlich weniger Arbeitsplätze, als es Arbeitssuchende gibt. Eine Binsenweisheit, und gleichermassen ein Resultat des gloriosen Erfolgs unseres technisch-wirtschaftlichen Fortschritts, der uns Menschen in Deutschland von der Arbeit befreit. Wenn durch mehr Technik immer mehr Leistung in immer kürzerer Zeit erbracht werden kann, muss das System immer weniger Menschen zur Arbeit zwingen, da es ganz einfach immer weniger Arbeit zu leisten gibt, könnte man meinen. Dahingehend müsste eigentlich jede(r) neue(r) Arbeitslose(r) ein willkommener Beweis dafür sein, wie gut das System funktioniert. Sein Status wäre demnach kein ärgerliches, unerwünschtes Nebenprodukt, sondern ein gewünschter und willkommener Effekt. Jeder weitere Arbeitslose zeigt doch, wie gut und wie effizient das Produktionssystem funktioniert. Man könnte daher Arbeitslose belohnen, und nicht bestrafen. Es gäbe keinen, aber auch gar keinen Grund, wieso ein Arbeitsloser ein Mensch zweiter Klasse sein sollte, der nicht am Wohlstand unserer Gesellschaft teilhat. Könnte man meinen.

Doch Frau Merkel meint das ganz anders. Anscheinend ist sie der Ansicht, dass diejenigen, die nicht arbeiten, auch nicht arbeiten wollen - und es eigentlich aber müssten:
Die Arbeitsmarktreform Hartz IV habe keine Arbeitsplätze gebracht, daher müsse der Anreiz zur Aufnahme von Arbeit gesteigert werden, hatte Merkel bereits am Freitag auf dem Bundeskongress der Kommunalpolitischen Vereinigung der CDU/CSU in Hamburg gesagt. Diejenigen, die arbeiteten, müssten mehr Geld zur Verfügung haben als jemand, der nicht arbeite.
[via Netzeitung: Merkel sieht Chancen in Hausarbeit]

Wo die nicht vorhandene Arbeit herkommen soll ist mir ebenso unerklärlich, wie warum man denn bitteschön mehr Geld bekommen sollte, nur weil man Anderen die nicht im ausreichenden Maße vorhandenen Arbeitsplätze wegnimmt. Diesen Schluss kann ich so ganz und gar nicht teilen. Er mag sich vielleicht an menschlichen Grundwerten wie Gier, Zwietracht oder Neid orientieren und ist somit natürlich, scheint mir aber gesamtgesellschaftlich gesehen alles andere als logisch. Er verschärft die Differenzierung von Arbeitnehmern und Arbeitslosen, dabei sind die Arbeitslosen doch eben deswegen arbeitslos, weil die anderen Arbeit haben. Da scheint mir ein kausaler Zusammenhang zu bestehen.

Doch es kommt noch besser:
Mit der Einführung von Hartz IV gebe es zunehmend eine Haltung in der Bevölkerung, legitime Transferleistungen des Staates auch in Anspruch zu nehmen.
Habe ich das richtig verstanden: Die Haltung, dass Menschen das soziale Netz - oder was davon übrig ist - auch in Anspruch nehmen (können), ist ein Fehler? Doch Fr. Merkel weiss die Antwort, wie man das Sozialsystem entlastet und Arbeit schafft: Ein Niedriglohnsektor soll "Anreize für Arbeitslose" schaffen. Zugunsten der Alten und der Reichen, als billiger Arbeitsplatz in deren Privathaushalten. Das macht dann die Reichen noch ein bisschen reicher, und die Armen, naja die bleiben halt arm aber haben immerhin "Arbeit", könnte man meinen. Oder sie gehen eben vor die Hunde. Oder sehe ich das falsch?

9 Kommentare:

  1. Alexander schrieb:
    Verstehe ich Dich wirklich richtig? Du teilst NICHT die Auffassung, dass derjenige, der arbeitet, grundsätzlich mehr bekommen muss als derjenige, der nicht arbeitet?
    # 26. November 2005 - 18:15 Uhr
  2. Jens schrieb:
    Ich kann die Ansicht auch nicht teilen. Da steckt viel drin, worum man sich um Kopf und Kragen reden kann. Z.B. "Sind wir alle gleich?" "Müssen wir alle gleich sein?" "Menschen sind genetisch nicht gleich"... u.s.w. viel von deiner Argumentation kommt sicher auch dadurch, dass du wahrscheinlich in Deutschland aufgewachsen bist. In anderer Ländern sieht man das ja teilweise anders.
    Ausserdem werden viele Themen überhaupt nicht angesprochen. Wo ist z.B. der Aspekt das Leistungsfortschritt/Technologie neue Arbeit schafft; allumfassende Sozialsysteme im globalen Markt kaum gegen Leistungssysteme konkurieren können...? Das Thema ist viel zu komplex für einen Blogeintrag.
    # 26. November 2005 - 19:28 Uhr
  3. don schrieb:
    leute wie frau merkel (you know who you are) vertreten ja auch den standpunkt, dass früher mehr leute krankgefeiert haben als heute.
    man könnte es aber auch so sehen, dass heute die leute aus angst krank zur arbeit gehen, aus angst, ihren job zu verlieren.

    diese denkweise "früher waren öfter welche krank als heute, also ist es heute besser" würde ich von homer simpson erwarten, aber sie scheint im moment standard zu sein.
    # 26. November 2005 - 19:37 Uhr
  4. Ralph schrieb:
    @Jens:
    Du vergisst dabei aber, dass der techn. Fortschritt und die neuen Technologien längst nicht so viele Arbeitsplätze schaffen, wie die industrielle Massenproduktion vor der Automatisierung ab Mitte der 80ger Jahre zur Verfügung gestellt hatte. Einen so großen Bedarf an Arbeitskräften werden wir nie wieder haben. Allerdings hat der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung NICHT im gleichen Masse abgenommen. Also werden wir mit diesem Ungleichgewicht bei Angebot und Nachfrage langfristig leben müssen.
    # 26. November 2005 - 20:59 Uhr
  5. Jens schrieb:
    Das war auch gar nicht meine Absicht so darzustellen. Es ging mir lediglich darum, darzustellen, dass Fortschritt nicht partout Arbeitsplätze vernichtet.

    Das in Zukunft mit den heutigen Methoden nicht alle Menschen in Arbeit kommen ist klar. Andererseits denke ich auch, dass man sich Arbeit machen kann wo vorher keine war. Ein Patentrezept ist trotz alledem wahrscheinlich noch nicht in Sicht.

    @Don: Aber bitte auch nicht ausser Acht lassen, dass sich hygienische und medizinische Bedingungen verbessern. Es also nicht nur die Angst und die Bedingungen sind ist. (Das soll sich jetzt bitte nicht wieder so auffassen lassen, dass ich deine Argumente nicht anerkenne, ich möchte nur erreichen das man das Gesamtwirken aller Kräfte berücksichtig und ein solches komplexes Thema nicht auf ein Maß vereinfacht in dem das Modell nicht mehr der Realität entspricht.)
    # 27. November 2005 - 02:07 Uhr
  6. Moe schrieb:
    @Alexander: haha, Du hast die Stelle gefunden ;-)
    Das ist in der Tat eine Provokation, ich denke die Behauptung, viele Leute würden nicht arbeiten, weil es sich nicht lohnt kann ja nicht haltbar sein, wenn gleichzeitig neue Billig-Jobs entstehen sollen, während man sich dazu noch überlegt, wie man bei Hartz IV weiter einsparen kann. Dabei *war* das ja eigentlich schon die angekündigte, schmerzliche Sparmassnahme. Und es sind einfach nicht genug Jobs da. Genausogut könnte man umgekehrt dann behaupten, dass es die Arbeitnehmer sind, die Arbeitslosigkeit erst verursachen.

    @Jens: Das Thema ist in der Tat zu komplex, und ich habe zu wenig Ahnung davon. ;-) Das ist sicher richtig, dennoch finde ich es wichtig, darüber laut nachzudenken. Das das alles andere als der Weisheit letzter Schluss sein kann, ist klar.
    # 27. November 2005 - 13:54 Uhr
  7. don schrieb:
    >@Don: Aber bitte auch nicht ausser Acht lassen, dass sich hygienische und medizinische Bedingungen verbessern.

    in den letzten 3-5 jahren haben sich die hygienischen umstände verbessert? also wo ich herkomme, wird schon seit generationen toilettenpapier benutzt und sich die zähne geputzt.

    es geht um die denkweise "was fuktioniert ist gut", unter völliger vernachlässigung von dingen wie zb menschlichkeit.
    # 27. November 2005 - 19:09 Uhr
  8. somlu schrieb:
    Es ist nachgewiesen, dass viele Arbeitnehmer mit Fieber oder entgegen ausdrücklichen ärztlichen Rat arbeiten gehen, weil sie Angst haben, um ihren Arbeitsplatz. Hat nicht letzthin ein einschlägiges Magazin gefeiert, dass die Bedingungen in Deutschland für die Wirtschaft besser sind, weil die Menschen hier Angst haben? Widerlich finde ich das.

    Was Frau Merkels Idee angeht, hatte ich das schon gelesen und es sofort wieder verdrängt, weil ich es so unsäglich finde. Ich kann nicht mal drüber schreiben, weil ich mich so sehr darüber aufrege, dass eine Person, die sicherlich nie im Leben mit der Situation einer prekären Lebenslage konfrontiert werden wird, meint zu wissen, was für die Menschen in dieser Situation angemessen ist. JedeR, der/die so von sich gibt, gehört für mindestens 3 Jahre auf ALG II gesetzt ohne Zuverdienstmöglichkeit.

    Tatsächlich denke ich, dass es im Mittelstand jede Menge Innovationen gibt und teilweise auch Arbeitsplätze. Viele Unternehmer des Mittelstandes haben auch ein anderes Verhältnis zu ihren Mitarbeitern als es die großen Konzerne haben.
    # 28. November 2005 - 08:39 Uhr
  9. OnisanT schrieb:
    Manueller Trackback:
    http://www.nanimo.de/blog/i...
    # 28. November 2005 - 21:21 Uhr

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