Aus dem Wirtschaftsteil vom Spiegel: Auf die Abgabe der süßen Spirituosen-Mixgetränke (Alcopops) hat der Bundestag die Einführung einer Sonderabgabe beschlossen. Damit soll ein Signal gegen den steigenden Alkoholkonsum von Kindern und Jugendlichen gesetzt werden. Alcopops sind vor Bier, Wein und Sekt die beliebtesten alkoholischen Getränke bei den 14- bis 17-Jährigen. Spiegel Online: Saftige Preiserhöhung für Alcopops.
Interessant scheinen mir hierbei zwei Punkte zu sein: Erstens ist es doch so, dass die Abgabe von Alcopops an Minderjährige sowieso verboten ist, oder irre ich da? Wenn dem so ist, stellt der Beschluss dieser Sonderabgabe auf Alcopos dann letztendlich ein Zugeständnis dar, denn man toleriert, dass harte Alkoholika an Minderjährige verkauft werden. Absolut verhindern lässt es sich natürlich eh nicht. Aber der Umstand, dass Jugendliche Alcopos anscheinend ziemlich ungehindert erwerben können, auch wenn der Verkäufer damit ein Gesetz bricht, würde dadurch, dass der Staat damit an einer Steuer verdient, doch institutionalisiert werden. Der Markt soll hier dann also nicht dadurch reguliert werden, dass ein bestehendes Gesetz stärker durchgesetzt und entsprechende Vergehen geahndet werden, sondern dadurch, dass eine neue Steuer in Form einer Sonderabgabe erlassen wird? Das erscheint mir mehr als zweifelhaft. Vielleicht irre ich und der Erwerb von Alcopops ist für Minderjährige legal. Kann mich da mal jemand aufklären?
Zweitens scheint hinter dem Beschluss des Bundestags die implizite These zu stecken, dass Jugendliche insgesamt weniger saufen, wenn die Alcopops teurer sind. Ich frage mich, ob es irgendeinen empirischen Beleg dieser These gibt, oder ob sich hier einfach die wirtschaftlichen Interessen der Bier-, Wein- und Sekt-Lobby durchgesetzt haben.
Sonderabgaben auf Alcopops
06. Mai 2004 - 18:00 Uhr - Moe9 Kommentare:
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Wie stellst du dir eine "stärkere Durchsetzung" vor? Artverwandte Probleme gibt es mit Alkohol und Zigaretten. Soll der Staat deswegen jetzt noch mehr Beamte im Ordnungsamt anstellen? Wer solls zahlen?
Raubkopien sind auch verboten. Würdest du von einer "Institutionalisierung" des Verbotes durch die CD-Abgabe sprechen wollen? Oder auch die Verpflichtung von "Stadthelfern" ;-) fordern wollen?
irgendwie beißt es sich, dass du an diversen Ecken zuviel Staat siehst (Stadthelfer, Ausweiskontrollen etc...), aber für sowas, was sich m.E. anders lösen liesse, "stärkere durchsetzung" forderst.
Ich halte die Verteuerung für ein relativ elegantes Mittel das Zeug weniger Leuten zugänglich zu machen.
re: "empirische Belege"
Ich denke jede Preiserhöhung bei den Zigaretten, Benzin etc... liefert entsprechende Belege zu.
re: "Interessen der Lobby"
... werden durch die Verteuerung nicht gedient. Die Lobby hat heute laut aufgeheult. Ihr Produkt wird preislich uninteressanter gemacht, ohne dass sich ihre Marge erhöht.
Einerseits macht der Einzelhandel unter anderem auch damit Einkünfte, dass gesetzwidrige Alkoholabgaben an Jugendliche stattfinden, andererseits werden die Jugendlichen durch die Sonderabgaben auf Alcopops dann vielleicht nicht weniger Alkohol insgesamt, sonder wieder mehr Bier und Wein trinken, könnte man jetzt kontrastieren.
Der Beschluss ist natuerlich Augenwinscherei; das der Verkauf dadurch sinken wird, kann durchaus moeglich sein, immerhin kostet dann ein Smirnov Ice wohl um die 3€ - fuer Kiddies, die das vom Taschengeld bezahlen muessen, wohl ein wenig zu teuer.
ich kenne die gefahren des zeugs aus eigener anschauung.
einer meiner besten kumpels, damals, anfang der 80er jahre, man war 14/15jahre alt, hatte probleme zuhause (eltern liessen sich scheiden) und wurde letztendlich alkoholiker.
einstiegsdroge waren die damals grassierenden bonbons mit apfelkorn-füllung.
im nachhinein war es unglaublich wie passiv z.B. die lehrkörper (und wir mitschüler) sich verhielten, wiewohl der junge damals mehrere male besoffen zum unterricht kam (allerdings es vermied sich lallend zu wort zu melden) oder diverse male auch gar nicht.
später ist er zum glück vom trip wieder runter.
aber von daher schrillen bei mir im zusammenhang mit alcopops und jugendlichen auch sämtliche alarmsirenen und ich möchte das zeug soweit weggeschlossen haben, wie möglich.
was, BTW, eine weitere regelungsmöglichkeit wäre: läden zu zwingen, das zeug unter verschluß zu halten. der aufwand zu einem verkäufer/verkäuferin zu gehen und um freischliessen zu bitten, dürften einige/viele jugendliche scheuen. bei hochprozentigem machen es einige supermärkte genau so.
Aber auch wenn sich alle Händler dran halten würden: Das Zeug ist ein typischen Gruppengetränk, das man im Freundeskreis trinkt, genau wie die berüchtigten Feiglinge oder Kümmerlingrunden. Wer das als Jugendlicher alleine zu Hause trinkt, hat wohl schon massive Alkoholprobleme. Und in der Clique gibt es üblicherweise auch Volljährige, die es legal kaufen können.
Also was tun? Verbieten? Mehr Kontrollen im Supermarkt? Was ist mit dem 18jährigen, der es an den 17jährigen weitergibt? Soll er kriminalisiert werden?
Der Preisansatz ist ein gangbarer direkter Weg. Ergänzend wären eine wie auch immer geartete Form der Herstellerhaftung und Werbeeinschränkungen denkbar.
Zur Empirie (allerdings habe ich keine Quellenangaben): In den letzten Jahren ist der Absatz der Alcopops (süsser Alkohol allgemein) extrem gestiegen, die Zahl der Jugendlichen und sogar Kinder mit Alkoholvergiftungen und Suchterscheinungen immer weiter gestiegen, das Alter immer weiter abgesenkt. Hier wird ein direkter Zusammenhang gesehen.
Eine Erhöhung der Steuern auf Alcopops hat in der Schweiz und Frankreich zu massiven Absatzeinbrüchen geführt.
Bier und Wein schmecken vielen Jugendlichen nicht, deshalb ja die süssen Getränke. Ausserdem ist der Alkoholgehalt geringer. Daher besteht zumindest die Hoffnung, dass wieder weniger Jugendliche süchtig werden.
http://lys.antville.org/sto...
Es gibt eine repräsentative Befragung von Jugendlichen der 9. und 10. Klasse im Rahmen der ESPAD-(Europäische Schülerstudie zu Alkohol und anderen Drogen), die erschreckend ist.
Und zum anderen den Drogen und Suchtbericht der Bundesregierung:
http://www.bmgs.bund.de/dow...
Dort wird der Anstieg der Fallzahlen stationär behandelter Kinder und Jugendlicher mit Alkoholvergiftungen in den Jahren 2000 bis 2002 um 26 % festgestellt. Besonders erschreckend ist hier die Entwicklung bei den 10- bis 17-jährigen Mädchen: Während ihr Anteil an der Gesamtzahl der Alkoholvergiftungen im Jahr 2000 noch bei rund einem Drittel lag, war 2002 jeder zweite Jugendliche, der wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wurde, ein Mädchen. Wenn man weiss, dass Alkopops besonders von Mädchen getrunken werden, ist der Zusammenhang ziemlich deutlich.
Es wird also nicht wirklich reichen, schärfer auf die Einhaltung der Gesetze zu achten. Mehr Aufklärung muss wohl geschehen, damit niemand mehr denkt, Alkopops seien "nur" Limo mit "ein wenig was drin".
Zusätzlich zeigt dieses Thema doch mal wieder, wie unbedacht doch vielerorts mit Alkohol umgegangen wird.