Wie man unlängst bei Jim auf 20six lesen konnte, hat Frau G. wohl was böses über Tagebücher und 20six gesagt, und nun tummelt sich da alles in den Kommentaren und es geht darum, wie spezifisch das verwendete CMS eigentlich für eine Communitybildung ist, und warum Blogs bei 20six kritischer beäugt und teilweise belächelt werden, und dass die bei Antville so hochnäsig seien oder was-auch-immer.
Dabei taucht natürlich die Frage wieder auf, was denn ein Tagebuch und was ein Weblog sei, welche Stefan, wohl einer der (oder der?) Bosse von 20six in seinem Beitrag dazu noch einmal aufgreift und mangelnde Toleranz von Weblog-Autoren gegenüber Tagebüchern kritisiert. Wobei das eigentliche Problem für ihn ja vielleicht auch war, dass Frau G. 20six gebashed hat, und nicht dass sie Tagebücher gebashed hat. Aber das nur am Rande ;)
Ich habe mich ja auch eine gane Weile metablogging-mässig damit beschäftigt, ob oder wie man ein Tagebuch von einem Weblog abgrenzen kann oder wozu das überhaupt gut sein kann, habe die Überlegungen dann aber zwecks Müssigkeit ruhen lassen. Letztendlich bin ich bislang zu folgenden Schlüssen gekommen:
Erst einmal ist jede Abgrenzung natürlich ungenau. Also geht es nicht um Randgebiete, sondern darum, eine Typologie zu finden bei der sich möglichst viele Leute darauf einigen können eine möglichst grosse Anzahl von Items einem Typ zuzordnen.
Wenn man sich nun die Phänomene bei dem, was man vermutlich für Weblogs hält ansieht kommt man zu dem Schluss, dass für Weblogs im Gegensatz zu Tagebüchern konstitutiv zu sein scheint, dass sie Permalinks enthalten und dass sie Links enthalten.
Permalinks deswegen, weil sie es erst ermöglichen, dass jeder einzelne Eintrag ein Informationsknoten wird, der mit anderen verlinkt werden kann, und nicht nur mit jeweils einer bestimmten Seite.
Links können in Tagebüchern natürlich genauso wie in Weblogs vorkommen, ich behaupte jedoch, dass sie in Weblogs eine viel zentralere Rolle einnehmen. So würde ich davon ausgehen, dass die meisten Weblogs im Gegensatz zu den meisten Tagebüchern durchschnittlich einen oder mehrere Hyperlinks pro Eintrag enthalten; wie immer bestätigen auch hier die Ausnahmen die Regel.
Weblogs scheinen also im Gegensatz zu Tagebüchern weniger an Zeit und Raum gebunden zu sein, da sie weniger an persönlichen, autobiographisch in Zeit und Raum verorteteten Erlebnissen festhalten. Entscheidender scheint für Weblogs zu sein, dass sich hier die eigentliche Dynamik zwischen den Zeilen, also in der Struktur der Vernetzung zwischen Weblogs untereinander, ihrer Bezugnahme auf Permalinks zu Beiträgen in anderen Weblogs, und in dem Verweise auf ihre Quellen generell zu entfalten scheint. Wobei ich an dieser Stelle schon einräumen muss, dass dies letztendlich eine normative Sichtweise ist, welche Weblogs eher als Informationsquelle als als Ausdrucks-Medium betrachtet. Die Alternative wäre vielleicht, den Begriff wirklich nur noch als Worthülse zu begreifen.
Wenn man jedoch mal von dieser ersten Sichtweise ausgeht, so lassen sich schon die meisten Tagebücher damit von den meisten Blogs abgrenzen, meine ich. Sicher wird es immer Unzuzuordnendes, Randgruppen und Ausnahmefälle geben, man könnte damit jedoch eine recht grosse Anzahl einigermassen sicher zuordnen.
Sicher könnte man Tagebücher auch zu den Weblogs dazu zählen, dann wären sie aber nur eine Teilmenge, nur ein Teil dessen, was ein Blog sein kann. Vielleicht stösst deswegen vielen Bloggern der Satz "Weblogs sind online-Tagebücher" auf, weil er damit alle Weblogs auf eine mögliche Form ein Weblog-Tool zu benutzen reduziert. Und gerade wenn man mal von so Fragestellungen, wie ob Weblogs nun eine Gefahr für den traditionellen Journalismus oder eher eine weitere Form desselben sind ausgeht, dann könnte man sich ja schon fragen, welchen Sinn und Zweck wohl die etablierten Massenmedien mit solchen Äusserungen verfolgen. Schliesslich könnte es hierbei ja auch um Definitionsmacht statt um Unkenntniss gehen. Aber ich schweife ab.
Zurück zu 20six: Wie auf jeder anderen Weblog-Plattform auch, dürfte es also meiner vorgeschlagenen Unterscheidung nach nun auf 20six sowohl Tagebücher als auch Weblogs geben. Dagegen ist ja auch gar nichts zu sagen. Nur, und das ist für mich der springende Punkt: Um ein Weblog zu führen, ist man, wenn man es im Austausch mit anderen Blogs durch gegenseitige Referenzierung benutzen möchte, auf gewisse technische Formalia angewiesen, wie eben beispielsweise Permalinks. Plötzlich wird es eben auch interessant, ob man beispielsweise userfreundliche URLs im Weblog-CMS zur Verfügung hat oder nicht. Einen Tagebuchschreiber dagegen wird das wohl weniger jucken, es wird kein Entscheidungskriterium sein ob er nun diesen oder jenen Host wählt.
Und damit sind wir glaube ich auch schon an dem entscheidenden Punkt, warum es auf 20six ganz einfach mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht so viele so viel gelesene Weblogs gibt: Wer auf Weblog-Kritierien achtet, hatte es bisher eben eher schwer, sich mit 20six anzufreunden. Ok, das ist schon mal ein gutes Stück besser geworden, indem 20six beispielsweise nun ja auch seit einer Weile RSS-Feeds anbietet, und für eine recht gut zu handhabende Moblogging-Option gesorgt hat.
Warum es aber anscheinend notwendig ist, sich einen Counter zu installieren um Einsicht in die Referrers zu erhalten (was bei Antville beispielsweise schon ein Vorab-Feature ist), warum die PermaLinks der Beiträge immer auf einen Anchor zu den Kommentaren (#comments) statt auf den Beitrag an sich zeigen (und somit exakt identisch mit dem Link "Kommentare" sind), und warum man bei 20six noch immer so hässliche URLs in der Form wie http://www.20six.de/-/weblogEntry/1ss6yy247wvxx.htm verwendet, entzieht sich meiner Kenntnis.
Ich denke, wenn 20six sich vielleicht ein oder zwei Blogger mit der entsprechenden Inside Knowledge pro Land in dem sie aktiv sind ins Boot holt, und seine technischen Standards mehr formalisiert, dann könnten sie auch mehr Leute anziehen, die etwas produzieren was in der Blogosphäre eher als "Weblog" angesehen wird, und sich somit stärker in die Blogosphäre "einweben".
Was jetzt weder ein Kriterium der Wertung der Diskussion "Weblog vs Tagebuch" oder eine Bewertung des Hosters 20six darstellen soll, sondern bestenfalls ein Kriterium der Positionierung von 20six wäre. Zumindest macht es deutlich, wie 20six in der Aussenperspektive vieler andere Blogger wirkt, glaube ich. Oder kommt das nur mir so vor?
Von Tagebüchern, Technik und 20six
20. August 2003 - 21:51 Uhr - Moe27 Kommentare:
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Guter Blogg übrigens. Ich bin öfter hier.
aber zu 20six: ich habe schon mal woanders bemerkt, dass man durch redaktionelle arbeit und durch wahl von features und interfaces eine community steuern kann. warum also versucht die firma 20six nicht, ihre nutzer an die webloggerkreisen ueblichen verhaltensweise zu gewoehnen? wir neigen ja alle dazu anzunehmen, dass sie es einfach nicht besser koennen, aber koennte es nicht auch sein, dass sie es gar nicht wollen? und falls es so ist, ist das dann gut oder schlecht?
sie verstehen das nicht: früher war blogging mal alles mögliche, heute ist es nur noch das:
> ein oder zwei Blogger mit der entsprechenden Inside Knowledge
> die etwas produzieren was in der Blogosphäre eher als "Weblog" angesehen wird [sic!]
1. 20six, die nach meinung der weblogbedeutungsmafia etwas unterstützen, was kein webloggen ist.
2. die alten herren, die behaupten, dass etwas nur dann ein weblog ist, wenn es für sie relevant ist oder wenn dort über weblogs gebloggt wird.
@Kris: Es ging hier für mich eigentlich nicht um die Bedeutungsmacht der "Weblogmafia", sondern darum wie meiner Ansicht nach 20six generell positioniert ist. Ich glaube nicht dass dieser Effekt daraus resultiert dass jetzt einige wenige Leute sagen dass 20six nix tauge, sondern wie gesagt daran dass die technischen Gegebenheiten bei 20six sowas von verdreht sind, dass sich da nun mal, wie im Beitrag auch erwähnt, eher eine bestimmte Klientel ansammelt. Die für 20six nun mal keinen sonderlich netzwerk-mässigen Effekt erzeigen wird. Was kein Kriterium der Bewertung der Inhalte, sondern der Positionierung von 20six ist. Aber ich wiederhole mich.
@Anneke: *Wie gesagt*, es war keine wertende Frage wer denn jetzt was für ein Weblog hält, sondern zumindest für 20six muss es (zumindest wenn sie jemals Geld machen wollen) eine strategische Frage sein. Und die Norm hat sich für mich eher auf die technische Formalisierung als auf den Content bezogen. kris fragt ganz richtig: "warum also versucht die firma 20six nicht, ihre nutzer an die webloggerkreisen ueblichen verhaltensweise zu gewoehnen?" und da geht es für mich mal ausnahmsweise nicht um beduetungsmacht, sondern darum möglichst viele Anschlussmöglichkeiten für die User bereit zu stellen. Und da verpasst 20six nun mal was, wenn sie die Tagebuchschreiber, aber nicht die technisch eher formalisierten Blogger bedienen. Und *wie gesagt*, dabei geht es nicht darum was denn nun die "richtige" oder "bessere" Art zu bloggen sei. Aber irgendwie drehen wir (oder ich?) mich da im Kreis.
Entweder erkläre ich es zu schlecht, bin völlig auf dem Holzweg, oder man will mich nicht verstehen, das wäre jetzt die Frage. Vielleicht lässt sich da sowas wie ein Konsens aber auch gar nicht erzielen und es liegt in der Natur der Sache.
man kann auch mit antville oder manila erfolgreiche communities schaffen, obwohl die funktionen der jeweiligen software eingeschraenkt sind. glaub mir, es kommt letzendlich darauf an, wie man mit den leuten redet. die firma 20six macht das auf ihre art und die spricht mich genauso wenig an wie die alte-herren-liga.
jupp, korrekt. aber wieso interessiert dich die strategie dieser firma so? sollen die doch hübsch pleite gehen, die blogger suchen sich schnell was neues...
oder ist das hier seit neustem das webloganbieterberatungsblog? und eigentlich ging es ursprünglich ja auch um was anderes...
sicher nicht, dennoch erlaube ich es mir mal über den Tellerrand zu schauen.
>und eigentlich ging es ursprünglich ja auch um was anderes...
hmm stimmt. naja meine überlegungen wurden eben durch diesen Beitrag von Stefan von 20six ausgelöst, daher habe sie in den Schlüssen wieder daran angebunden. Sonderlich spezifisch für 20six sind die Überlegungen zu Tagebüchern/Weblogs allerdings nicht, d'accord.
http://www.das-netzbuch.de/...
wegen dem durcheinander posten, macht nix, das müssen die geneigten leser dann eben durch - für threaded comments bin ich einfach zu faul ;)
>warum also versucht die firma 20six nicht, ihre nutzer an die webloggerkreisen ueblichen verhaltensweise zu gewoehnen?
möglicherweise, weil sie so kundenbindung erzeugen wollen? auch wenn oben anders behauptet: ich glaube nicht, dass die ein wirkliches interesse haben, ihre blogs in die blogosphere einzubinden. die leute würden sonst ziemlich schnell auf den trichter kommen, dass es lohnendere angebote gibt für die man sein geld ausgeben kann.
Technische Kriterien machen für einen Definitionsversuch IMHO keinen großen Sinn, die sind Moden und mehr oder weniger gelungenen "technischen Innovationen" unterworfen. Man unterscheidet z.B. "Der Landser"-Heftchen und Bücher von TC Boyle ja auch nicht danach dass das eine einen festen Einband hat während das andere ein geklammertes Heft ist. Sinnvolle Kategoriengrenzen (sofern es die überhaupt gibt) können nur vom Inhalt her gezogen werden.
Was 20six angeht, die versuchen IMHO die "Definitionsmacht" über den Begriff "Weblog" an sich zu reißen. Mit ihrem "Weblogs gibt es nun auch in Deutschland"-Slogan sollen die potenziellen Kunden angelockt und in den Glauben versetzt werden dass 20six einfach "Weblog ist." Von daher kann eine stärkere Vernetzung von 20six-Blogs mit der ja auch schon vor 20six existenten Blogosphere gar nicht in ihrem kommerziellen Interesse liegen.
http://de.table.finance.yah...
anneke und kris: ich kann mir kaum vorstellen, dass die trackback nur als farce implementieren wollen aber der geheime 20six-plan vorsieht, die user durch ein umständliches CMS als Kunden zu binden..! Es sei denn, sie wollen das ebenso verkaufen wie Ricardo auch und dann wieder was neues machen. Auf lange Sicht wäre diese Strategie doch jedenfalls tötlich, und das wissen die imho auch. der trick müsste doch schliesslich sein, ein "lohnenderes angebot" zu werden und nicht zu verhindern dass die user erkennen dass es solche angebote eben woanders bereits gibt.
Ich finde die Überlegungen von Moe ziemlich gut, wenngleich zu kompliziert als dass ein Outsider das einfach verstehen könnte. Links, Kommentare, RSS-Feed, CMS usw machen den Unterschied. Das finde ich viel relevanter zur Definition als die Inhalte (Tagebuch, Mikrojournalismus etc.) Und die Anwendung all dieser interaktiven Elemente ist meiner Meinung nach viel mehr von der Lernkurve als vom Inhalt geprägt.
Und noch mal zu Moe: Genau das wollen wir "ein lohnenderes Angebot" machen und es einfach machen bei uns ein Weblog mit allen features zu führen. Dazu bemühen wir uns, unseren Service ständig zu verbessern (die permalinks sind schon gefixed). Ansonsten befinden wir uns in einem ständigen Entwicklungsprozess, aber alles auf einmal geht nun mal nicht (oder nur mit viel mehr Entwicklern).
Und schliesslich "inside knowledge" - Recht hast du (in UK haben wir das mit Azeem ja auch schon umgesetzt).
Ich blogge seit zwei Jahren und bin nicht gerade technikscheu, aber was Trackback ist, weiß ich immer noch nicht und komme auch gut ohne dieses Wissen klar (naja, daß ich schon tausend mal "Trackback: 0" in irgendwelchen Weblogs gelesen habe, spielt sicher auch eine Rolle...). Ich habe aber auch sonst keine Lust, jedem Gimmick hinterherzulaufen, das irgendwer unter die Leute bringt, weil er gern Weblog-Spielzeug programmiert.
http://lumma.de/mt/archives...
"Ein Blog ist, was man daraus macht."
Formalien lassen sich zwar einfacher diskutieren - letztlich sollte es aber doch auf den Inhalt ankommen, oder? ;-)
irene, und technik muss ja nicht unbedingt aufdringlich sein, schliesslich besteht wie du ganz richtig schreibst ja kein zwang sie zu benutzen. nur diejenigen die sie nicht brauchen finden es glaube ich weniger problematisch wenn die features (optional) da sind, als diejenigen die sie gerne nutzen wenn sie eben nicht da sind.
ausserdem können gerade hier imho auch klar verständlich und gut strukturierte readmes und tutorials helfen, vieles ist meiner ansicht nach einfach zu schlecht oder zu "intern" dokumentiert.
und Walter, wegen dem Verweis auf Nico, ich hatte das eigentlich so verstanden dass er den inhalt eher als ein anything-goes begreift. und das würde wieder heissen, auf den inhalt kommt es eben - in einem definitorischen sinne - *nicht* an!