"Weblog": Eine postmoderne Worthülse?

31. Mai 2003 - 14:14 Uhr - Moe
Hmm in letzter Zeit liest man ja wieder vermehrt was Weblogs leisten, warum sie die Welt retten können, massenweise "Teilnehmende Beobachtungen" die eigentlich eher Introspektion heissen müssten, Polens 100000 Weblogger, Weblogs seien ein Massenphänomen, und vielerlei mehr in dieser Richtung.
Lustigerweise komme ich aber nicht umhin, festzustellen dass der Begriff "Weblog" bei genauerer Betrachtung nichts als eine blosse Worthülse bleibt. In jeder Diskussion über das Webloggen, jeder Zahlenangabe über aktive Weblogs usw schwingt ständig eine implizite Definition des Begriffs Weblog mit, welche für jedermann völlig unterschiedlich ist. Das macht es auch so schwierig, sich darüber zu unterhalten. Jeder versteht unter dem Begriff etwas anderes, jedoch sind alle der Ansicht von der gleichen Sache zu reden. Ob Polen zB wirklich 100000 aktive Blogger aufweist, was eine sehr hohe Zahl wäre, steht und fällt ja letztendlich mit der Definition von "Weblog" und beispielsweise der Abgrenzung zu Online Diaries.
Und was passiert, wenn jemand sagen wir mal myBlog benutzt, um dort nach dem eigenen Selbstverständnis ein Online-Tagebuch zu schreiben?
Irgendwann macht es einfach keinen Sinn mehr, zwischen dem verwendeten CMS zu unterscheiden. Ich könnte mit Notepad jeden Tag meinen Beitrag in eine statische HTML Seite schreiben, wäre es dann kein Weblog mehr?
Oder ich könnte ein Weblog-CMS nehmen welches zwar Trackback, Pingback, RSS, Kommentare und keine-Ahnung-was-noch verwendet und dort mein persönliches Online-Tagebuch führen, ohne jemals auch nur einen einzigen href zu setzen. Was ja auch völligst legitim wäre. Versteht mich nicht falsch, ich möchte hier keine normative Diskussion mehr vom Zaun brechen. Festzuhalten bleibt, dass es keine technischen Parameter bezüglich des verwendeten CMS geben kann, um zu bestimmen was ein Weblog sei.
Bezogen auf die Nutzung liessen sich vielleicht einige, wenige Indikatoren hinausarbeiten, auch diese wären jedoch kaum von anderen Formen des Online Publishing abzugrenzen. Wozu auch, lautet die Frage nun.
Die Blogger sind so vielschichtig, wie die Persönlichkeiten die "uns" als Personengruppe konstituieren, gemäss einer postmodernen Tradition (die selbst wohl niemals den Begriff der Tradition verwenden würde) liessen sich lediglich der Konsens des Dissens sowie die Heterogenität als Merkmale einer solchen Personengruppe festmachen.
Vielleicht reicht es zunächst, festzuhalten dass sehr wohl jeder aktive Blogger eine mehr oder minder genuine, implizite Definition des Begriffs vor Augen hat, um sich dann wieder den Äusserungen per se zuzuwenden, ungeachtet der unfruchtbaren Versuche einer intersubjektiven Begriffsdefinition des äusseren Rahmens, in welchem diese stattfinden. Vielleicht ist es aber auch völlig egal.

5 Kommentare:

  1. kris schrieb:
    die sache ist ganz einfach, wenn jemand was macht, was die weblogbedeutungsmafia cool findet, dann ist es ein weblog. wenn es scheisse ist, dann ist es ein online-tagebuch, ein forum, eine news-seite oder so. anders kann ich mir nicht erklaeren, weshalb ein online-tagebuch aus bagdad als der wichtigste weblog der welt gehandelt wird.
    # 01. Juni 2003 - 12:09 Uhr
  2. Moe schrieb:
    # 01. Juni 2003 - 14:00 Uhr
  3. Engelbert schrieb:
    ack !!
    # 03. Juni 2003 - 15:27 Uhr
  4. Stefan schrieb:
    Bloggen heisst in letzter Instanz etwas zu publizieren, was ist völlig unerheblich, ob nun mit copy und paste oder selbsterdachtes, technisch gesprochen sind die Übergänge vom Gästebuch, Forum, Newsseite fliessend, es wird noch genug Menschen geben die vom CMS auf den Blogzug aufspringen, Blog heisst in erster Linie einfach und preiswert Inhalte ins Netz zu stellen.
    # 05. Juni 2003 - 21:32 Uhr
  5. Daniel schrieb:
    > Blog heisst in erster Linie einfach und preiswert
    > Inhalte ins Netz zu stellen"

    Sehe ich genauso. Vor allen Dingen muessen die Inhalte nicht immer stilistisch voll korrekt sein, wie es bei grossen Artikeln der Fall ist.
    # 21. März 2004 - 11:15 Uhr

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