673 Kameras blicken in der Innenstadt von Leipzig auf Hauseingänge und nichts ahnende Passanten. [...]
Tatsächlich kann ein Rundgang durch die Innenstadt bei aufmerksamen Passanten den Eindruck erwecken, keinen unbeobachteten Schritt tun zu können. Gläserne Augen wachen an Ladenfronten, über den Eingangstüren von Diskotheken, an Parkplatzzufahrten oder Baugerüsten. Ein Hof an der Kleinen Fleischergasse ist mit fünf Kameras bestückt. Der Betreiber des Tanzlokals "you too" hat ein Objektiv auf die Straße gerichtet - ein Verstoß gegen die ansonsten eher laxen gesetzlichen Regelungen für die Kameraüberwachung privater Räume [...].
Mit heutigen Überwachungspraktiken aber werde durchgesetzt, dass ehemals öffentliche Räume wie der Bahnhof zu ausschließlichen Plätzen für Konsum würden, in denen nur Kunden Einlass erhalten. Wer den schönen Schein der glitzernden Warenwelt störe, werde von Wachleuten hinauskomplimentiert, wie sie etwa an einem Schalter in der Ladenstraße sitzen - vor einem Monitor, der gestochen scharfe Kamerabilder aus den Geschäftszeilen überträgt. [via nd-online]
Das ist meiner Ansicht nach ein ganz wichtiger Punkt: Bei Kameraüberwachung geht es nicht um Sicherheit, wie die Überwacher immer wieder behaupten, sondern um Kontrolle. Dass sich diese Ziele zumindest teilweise überlagern ist lediglich ein angenehmer Nebeneffekt. Letztendlich geht es darum, öffentliche Räume zu zweckbestimmten Räumen zu machen, in welchen man sich entweder normgerecht verhalten muss oder aber weggeschafft wird. Bevor noch jemand anfinge, sich den öffentlichen Raum zurück zu erobern und ihn vielleicht auf eine Art und Weise zu nutzen, die mit pseudo-liberaler Konsumkultur eben einfach nichts zu tun hat. Und der Langfinger-Ede raubt uns unsere läppischen 100 Euro dann eben vor dem Bahnhof und nicht im Bahnhof. Oder eben eine Strasse weiter.
Und: Wieso ist der Begriff von "Sicherheit" eigentlich immer an solchen vordergründigen Nichtigkeiten festgemacht?
Also wenn ich an meine Sicherheit denke und mich frage was ich dafür halte, dann ist die Gefahr, dass jemand irgendwo an eine Hauswand pinkelt, einen Mülleimer durchwühlt oder mir im schlimmsten Fall vielleicht 100 Euro stiehlt die kleinste Gefahr, die ich mir vorstellen kann.
Wenn sich jemand um meine Sicherheit kümmern wöllte, dann wären doch eher Fragen zu klären wie beispielsweise die Tatsache dass ich just eben gerade wieder an lustigen Losverfahren teilnehmen musste, um Seminarplätze zu ergattern. Oder dass wirklich niemand weiss, wie unsere Generation mal eine Rente erhalten soll oder eine angemessene Gesundheitsversorgung. Oder, ob ich überhaupt jemals einen gescheiten Job bekommen werde. Das sind für mich Sicherheitsfragen. Aber ich schweife ab.
Videoüberwachung in Leipzig
23. Oktober 2003 - 15:58 Uhr - Moe6 Kommentare:
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Mit dem Totschlagsargument "Sicherheit" läßt sich der "DSDS"-Gesellschaft inzwischen alles verkaufen, sei es auch noch so schwachsinnig ...
Aber ich bin inzwischen eh davon überzeugt, dass es 90% der Menschen, und darunter sind eine Menge die überdurchschnittlich intelligent sind, nicht wirklich interessiert ob man ihnen immer mehr ihrer Freiheiten nimmt.
Das, was Du als Nichtigkeiten gemessen an den viel größeren Einschnitten in das, was man soziale oder gesellschaftliche Sicherheit nennen könnte, bezeichnest, ist aber der Hebel, über den man die Zustimmung der normalen Bevölkerung erlangt, weil das die Sachen sind, die die Leute tagtäglich aus den Lokalnachrichten, den Erzählungen von Bekannten und dem TV erfahren. Man spielt mit dem Klima oder wie es M. Moore ausdrückt der Politik der Angst, um z. B. Videoüberwachung in den Köpfen als unasuweichlich notwendige Maßnahme verankern zu können. Die Angst ist die Basis, auf der man wie Josh sagt, dann das Totschlagargument 'Sicherheit' aufsetzen kann.
ein link zu den lokalen aktivisten. :)
das beängstigendst an dieser art der "sicherheit" ist aber, daß wir den überwachern völlig ausgeliefret sind. es gibt keinerlei kontrolle was mit den unmengen von material geschieht. und ich meine nicht nur die spanner. diese kameras sind meist in privater hand. es erinnert mich an einen programmierer der anhand von bauspar-daten nachvollziehen konnte wo reiche alleinstehende frauen wohnen und überlegte das auszunutzen.
oder auch an die judenvernichtung in schweden die dank einer vorkriegsumfrage nach irgendeinem pipifax durchgeführt wurde in der unter anderem die religion abgefragt wurde. ich brauche wohl nicht zu sagen, daß dort nicht viele juden übriggeblieben sind.
mit den möglichkeiten der heutigen technik ist es ein leichtes bewegungs- und persönlichkeitsprofile eines jeden zu erstellen. das muß gestoppt werden.
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Seid nicht leichtgläubig!!